Videospiel-Sucht

von Dr. Armin Kaser | Psychologe | 01.08.2021

Studien schätzen, dass 2-4 % nach WHO-Kriterien süchtig nach Videospielen sind. Was normales Spielen von einer Videospiel-Sucht unterscheidet, auf welche Symptome Eltern achten sollten und wie eine Therapie von Videospiel-Sucht wirkt lesen Sie hier.

Videospielsucht - Ursachen, Folgen, Therapie

Zusammenfassung

  • Videospiel-Sucht gilt seit der Aufnahme in den Katalog der psychischen Erkrankungen der WHO 2018 offiziell eigenständige Suchterkrankung (als Gaming Disorder, auch Computerspiel-Sucht).
  • Der Süchtige, Familie und Partner leiden massiv und der Sucht und ihren Folgen in Alltag, Schule oder Job. Am schwersten sind psychische Folgen: sozialer Rückzug, Schul- oder Studienabbruch, Jobverlust, finanzielle Schwierigkeiten und Depression bis hin zu Suizidgefahr.
  • Über 90 % der Videospielsüchtigen leiden zudem unter psychischen Begleiterkrankungen. Am häufigsten sind Depressionen, Persönlichkeitsstörungen, ADHS und Angststörungen.
  • Bei leichten Fällen können Mediennutzungsverträge, Tagespläne und Belohnungspläne helfen.
  • Professionelle Hilfe bieten Online-Beratungen (auch für die Angehörigen), spezielle Psychotherapien und stationäre Aufenthalte in speziellen Suchtkliniken.

Symptome

Forscher sind sich mittlerweile einig, dass die alleinige Spielzeit kein sicherer Hinweis auf eine Videospiel-Sucht ist. Bei der Diagnose verwenden Sie stattdessen die Symptomliste der WHO:

  1. Ständiges Denken an Videospiele: Süchtige denken auch bei Aktivitäten abseits von Konsole, PC oder Smartphone ständig daran, wann Sie das nächste Mal spielen können und an die Inhalte ihrer Games.
  2. Fehlende Kontrolle: Einerseits haben Videospielsüchtige kein Gefühl mehr dafür, wie viel Zeit Sie in Spielen oder Internet verbringen. Andererseits können Sie das Verlangen (Craving) nicht mehr kontrollieren. Oft haben Sie schon erfolglos versucht, ihre Spielzeit selbst einzuschränken.
  3. Entzugserscheinungen: Bei kaltem Entzug, Verboten oder technischen Problemen zeigen Videospielsüchtige psychische Entzugssymptome: Reizbarkeit, Aggression, Wut, Unruhe, Nervosität. Auch körperliche Entzugserscheinungen sind möglich: Bluthochdruck, erhöhter Puls.
  4. Toleranzentwicklung: Um dasselbe Erfolgserlebnis zu empfinden, muss der Betroffene immer länger spielen. Teilweise müssen die Reize auch stärker werden: Größere Siege, schwierigere und riskantere Missionen.
  5. Weiterspielen trotz auftauchender Probleme: Gesunde Spieler können Ihren Medienkonsum reduzieren, wenn die negativen Konsequenzen Überhand nehmen. Süchtige spielen stattdessen weiter – auch um von den Problemen abzulenken.
  6. Vertuschen, Verheimlichen und Lügen: Süchtige täuschen ihr Umfeld trickreich, damit ihre Abhängigkeit unsichtbar bleibt.
  7. Flucht: Bei Verboten, technischen Maßnahmen oder reagieren Videospielsüchtige entweder mit Rückzug oder versuchen, sich den Maßnahmen zu entziehen.
  8. Schwerwiegende Folgen: Besonders häufig sind familäre Konflikte, Schul- und Studienabbrüche, Arbeitslosigkeit, Trennungen und Scheidungen – dabei betrachtet man den Zeitraum der letzten 12 Monate.

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Häufigkeit

Aktuelle Studien zufolge, sind in Österreich und Deutschland zwischen 2 und 4 % der Menschen videospielsüchtig.

Asiatische Länder wie China oder Japan weisen noch deutlich höhere Zahlen auf. Experten befürchten, dass dies ein Hinweis auf die zukünftigen Zahlen in Österreich und Deutschland sein könnte.

Diagramm: Häufigkeit von Internet- und Computerspielsucht - Länder im Vergleich - Forscher weltweit kommen zu unterschiedlichen Zahlen. Das ist auf tatsächliche Unterschiede, aber auch auf unterschiedliche Erhebungsmethoden zurückzuführen.
Videospiel-Sucht ist ein weltweites Phänomen. Österreich und Deutschland liegen im Mittelfeld.

Videospielsucht ist eher männlich

Videospiele sind eher auf die Vorlieben der Männer zugeschnitten: Wettkämpfe und Ranglisten in Sportspielen (FIFA), MOBAs (League of Legends, DOTA), und Survival/Battle Royal-Spielen (Fortnite, PlayerUnknown’s Battlegrounds). So erklären sich Suchtberater, dass in die Suchtberatungsstellen fast nur Jungen und Männer kommen. Frauen werden eher internetsüchtig – Instagram, Facebook, TikTok.

Ursachen

Verhaltenssüchte entstehen immer dann, wenn mehrere ungünstige Faktoren zusammen kommen. Videospiel-Sucht hat Ursachen in 3 Bereichen:

1. In den Persönlichkeitsmerkmalen des Abhängigen: Für Introvertierte und Schüchterne üben Videospiele einen besonderen Reiz aus, weil sie ansonsten eher wenige Freunde und Hobbys haben. Auch bei Einsamkeit oder emotionaler Instabilität bieten Videospiele kurzfristig eine verlockende Erleichterung. Diese Persönlichkeitsmerkmale sind zum überwiegenden Teil genetisch bedingt.

2. In den Eigenschaften der Videospiele: Spielspaß, Freude und Motivation zum Weiterspielen werden gezielt durch Belohnungsmechanismen ausgelöst. Bei gesunden Spielern ist das kein Problem. Süchtige geraten dadurch aber in einen Teufelskreis, bei dem die Belohnungen immer stärker werden müssen. Manche Typen von Videospielen setzten ganz besonders auf solche psychologische Tricks: Free2Play-Spiele, Online-Rollenspiele und Spiele, die sich über Mikro-Transaktionen und Abo-Modelle finanzieren.

3. In den Umständen in Familie, Umwelt und Gesellschaft: So wie ein gutes Familienklima schützend wird, kann ein Broken Home, eine ungünstige Peergroup oder ein unkritischer Medienkonsum im Umfeld die Videospielsucht begünstigen. Oft entwickeln Eltern oder Partner eine Co-Abhängigkeit, wenn Sie versuchen, den Abhängigen zu schützen. Das kann eine überfällige Behandlung verzögern. Auch die Gesellschaft kann eine Abhängigkeit fördern: Leistungsdruck in Schule und Arbeit, Trend zu Digitalisierung und Individualismus und Ein-Personen-Haushalte.

Das TRIAS-Modell bei Computerspiel-Sucht - Jede Sucht hat ihre Ursache in 3 Bereichen
Im Trias-Modell gibt es immer mehrere Ursachen für die Entstehung einer Videospiel-Sucht.

Begleiterkrankungen

Videospielsüchtige leiden extrem häufig an weiteren psychischen Erkrankungen.

Die psychische Komorbidität wirkt dabei wie ein Beschleuniger für die Abhängigkeit von Videospielen.

Diagramm: Die häufigsten Begleiterkrankungen - Komorbidität bei Computerspiel- und Internet-Sucht
Mehr als 90% der Videospielsüchtigen leiden an einer weiteren psychischen Störung wie Depressionen, ADHS oder Persönlichkeitsstörungen.
  1. Borderline, Narzissmus, krankhafte Schüchternheit oder Zwanghaftigkeit sind Persönlichkeitsstörungen (52 %). Das Gefühlsleben, Denken und die Beziehungen der Betroffenen sind deutlich anders, als man es von seinen Mitmenschen erwartet. Ihr Verhalten wirkt oft besonders, wenig flexibel oder in der Situation unpassend.
  2. Eine Depression (oder als Erschöpfungsdepression auch: Burnout) muss besonders beachtet werden. Symptome sind gedrückte Stimmung, ein Verlust an ehemaligen Hobbys und Interessen, Traurigkeit und Schlafstörungen. Wegen der hohen Suizidgefahr muss ein Verdacht auf Depression psychologische abgeklärt werden – hier ist professionelle Hilfe angezeigt.
  3. ADHS (24 %) und Videospiel-Sucht tritt oft gemeinsam auf. Man erklärt sich das durch die Reizüberflutung und einfachen Belohnungen, die Games den Betroffenen bieten. Videospiele bieten ADHS-Kindern und -Erwachsenen “unnatural rewards”, die Sie in der Offline-Welt nicht finden.
  4. Angststörungen (z. B. soziale Ängste) sind bei 50 % der Videospielsüchtigen zu finden. Die extreme Schüchternheit, Unsicherheit und ein Mangel an sozialer Kompetenz machen es schwer, im echten Leben Beziehungen und Hobbys aufzubauen.
Diagramm: Teufelskreis: Soziale Ängste und Computerspiel-Sucht
Soziale Angst (auch: soziale Phobie) und Videospiel-Sucht verstärken sich gegenseitig.

Folgen

Eine Videospiel-Sucht verursacht viel Leid beim Abhängigen, aber auch in seinem Umfeld: Eltern, Familie, Partner und Kinder. Häufig berichtet werden:

  1. Vereinsamung: Nach vielen verzweifelten Versuchen, den Abhängigen von den Videospielen wegzulocken, gibt das Umfeld irgendwann auf. Die Online- und Spiel-Freunde können echte Kontakte nicht ersetzen. Meistens sind sie selbst in einer ähnlichen Situation.
  2. Depression mit Suizidgedanken: Vereinsamung, ständige Konflikte und Hoffnungslosigkeit führen häufig zu depressiven Symptomen. Wegen der hohen Suizidgefahr ist es wichtig, die Symptome einer Depression zu erkennen und gegebenenfalls professionelle Hilfe zu holen.
  3. Leistungsabfall in Schule, Uni oder Job: Schlafmangel und Konzentrationsschwierigkeiten haben Folgen für Arbeit und Schule. Irgendwann brechen die Videospiel-Süchtigen die Schule ab oder kommen nicht mehr zur Arbeit. Das hat massive Auswirkungen auf die späteren beruflichen und finanziellen Möglichkeiten.
  4. Psychische Erkrankungen: Auch eine Videospiel-Sucht kann Auslöser für weitere psychische Probleme sein. Der Stress durch Konflikte, die dauernde Reizüberflutung durch die Spiele und Schlafprobleme verstärken soziale Phobien, Zwänge und Persönlichkeitsmerkmale, die ansonsten unter Kontrolle wären.
  5. Über- oder Untergewicht, Haltungsschäden, Muskelabbau: Bewegungsmangel und Ernährung von Fastfood lassen die Muskulatur verkümmern.
  6. Ein- und Durchschlafstörungen: In Online-Spielen trifft man sich eher in den Abendstunden bis tief in die Nacht. Dadurch verschiebt sich der Tag-Nacht-Rhytmus. Außerdem fällt es schwer, direkt nach eine aufregenden Spiel einzuschlafen. Schlafstörungen: Online-Computerspieler treffen sich meist spät am Abend oder in der Nacht.

Tipps

In leichten Fällen können Eltern, Partnerinnen oder das Umfeld noch versuchen, eine entstehende Videospiel-Sucht zu verhindern. Entscheidend ist, das problematische erste Gespräch geschickt anzugehen. Überlegen Sie sich:

  • Was möchten Sie erreichen? Was könnte ein realistisches Ziel sein?
  • Welche Alternativen können Sie zu den Videospielen bieten? Welche alten Hobbys oder Freundschaften könnten wieder aufgenommen werden?

Sie können sich auch selbst an den psychologischen Techniken versuchen, die Therapeuten bei Videospiel-Sucht anwenden (alle Unterlagen als Gratis-Download).

  • Die Kosten-Nutzen-Analyse: Eine Vorlage, um systematisch die Motive, die Vorteile und die Nachteile exzessiven Videospielens gegenüberzustellen. Zur Anleitung…
  • Der Tages-Zeitkuchen: Teil jeder Therapie von Videospiel-Sucht ist, alternative Freizeitaktivitäten zu finden. Im Arbeitsblatt wird die Tageszeit neu verteilt. Zur Anleitung…
  • Der Belohnungsplan: Das Gehirn lernt durch positive Verstärkung, ungünstiges (süchtiges) Verhalten abzulegen. Im Arbeitsblatt werden deshalb konkrete Belohnungen festgelegt, die den Süchtigen zur Mitarbeit motivieren. Zur Anleitung…

Von einem kalten Entzug ohne begleitende Maßnahmen ist eher abzuraten. Router verstecken, technische Hürden und ähnliches bleiben meist wirkungslos und verschärfen den Konflikt nur noch mehr.

Professionelle Hilfe

Eine Videospiel-Sucht sollte behandelt werden, wenn sich bereits ernsthafte Folgen abzeichnen, wenn die Symptome schon länger andauern, oder wenn depressive Symptome sichtbar werden.

Mittlerweile gibt es spezielle Therapieprogramme gegen Videospiel-Sucht, die sich in Studien auch wirksam gezeigt haben. Die meisten Abhängigen werden ambulant behandelt. Ziel ist eher kontrolliertes Spielen als totale Abstinenz.

Bei schweren Fällen wird vielleicht ein Therapieprogramm in einer Spezial-Klinik empfehlenswert sein. Das ist besonders hilfreich wenn schwere psychische Begleiterkrankungen vorliegen.

Viele Abhängige profitieren von medikamentöser Unterstützung gegen eventuelle Begleiterkrankungen. Es gibt aber heute und auf absehbare Zeit kein Medikament gegen Videospiel-Sucht.

Der beste Ansprechpartner für eine Videospiel-Sucht ist deshalb der Psychologe. Er verwendet bei in der Therapie Werkzeuge aus

  • der Verhaltenstherapie (Herausarbeiten der Ursachen, Erstellen von Tages- und Wochenplänen und Strategien für schwierige Situationen und Rückfälle),
  • der Familientherapie (um Konflikte zu mildern und aufzulösen) und
  • der Gruppentherapie (um soziale Fertigkeiten zu verbessern).

Wohin können Sie sich wenden?

Wenn es bereits Vorerkrankungen gibt, kann Ihr Hausarzt der erste Ansprechpartner sein. Er hat bestenfalls einen Überblick über die Gesamtsituation des Süchtigen. Außerdem kann er Sie an lokale Ansprechpartner verweisen.

Manche Suchtberatungsstellen (Liste mit Adressen in Österreich, Deutschland und Schweiz) beraten ebenfalls zu Videospiel-Sucht. Eine umfangreiche Liste für Österreich, Deutschland und die Schweiz finden Sie hier

Nur wenige Kliniken (zur Liste der Suchtkliniken) sind auf die Behandlung von Videospiel-Sucht vorbereitet.

Von überall erreichbar sind Online-Beratungen zu Videospiel-Sucht. Die Online-Beratung funktioniert sowohl für den Betroffenen selbst als auch für Angehörige, Eltern oder Partnerinnen.

Diagramm: Behandlung und Therapie von Computerspiel- und Internet-Sucht - Professionelle Hilfe finden
Online-Sprechstunden, Sucht-Beratungsstellen oder Hausarzt sind mögliche Anlaufstellen. Meist sind es Eltern oder Partnerinnen, die den Schritt in die Beratung machen. Der Süchtige selbst muss nicht unbedingt dabei sein.
Dr. Armin Kaser - Psychologe mit Online-Beratung

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Erfahrungsberichte

Ronald Stolz ist mittlerweile Initator von “Extra-Life”, einer Selbsthilfegruppe für Videospiel-Süchtige. Als ehemaliger Betroffener spielte er über 10 Jahre World of Warcraft bis ihm vor 4 Jahren der Absprung gelang.

Liby L. Sei Leben drehte sich 10 Jahre nur um Videospiele. Der heute 30-Jährige steckte bis zu 20 Stunden am Tag in seinen Avatar bis er einen Therapieplatz bekam.

Florian Buschmann (20) zieht sich als Jugendlicher in die Welt der Videospiele zurück und verliert jegliches Interesse an der Offline-Welt. Im Bericht des MDR erzählt er, wie er den Absprung geschafft hat.

Die 3+ besten Dokus

Videospiel-Sucht | Uni Trier/Suchtberatung “Die Tür”

Medienwissenschaftler und Suchttherapeuten erklären unter anderem die 1+1=0 Regel – für jede Stunde Videospiele sollte man eine Stunde mit anderen Dingen verbringen.

Videospiel-Sucht | Brutale Realität

In der Reportage der ZDF-Sendung Mona Lisa erklärt ein ehemals Videospielsüchtiger von seinem Leidensweg und wie er mit einem 6-monatigem stationären Aufenthalt in einer Suchtklinik davon losgekommen ist.

Videospiel-Sucht | Mit Therapie ins Leben zurück

Im Klinikum Gütersloh werden Videospielsüchtige erfolgreich mit ähnlichen Therapien wie Alkohol- oder Drogenabhängige therapiert. Im Bericht sind 2 Abhängige zu sehen, die langsam wieder zurück in ein Offline-Leben starten.

Ab wann gilt man als videospielsüchtig? | Vivantes

Für Laien ist überraschend, dass die reine Spielzeit kein Kriterium für Videospiel-Sucht ist. Im Video erklärt Jakob Florack, Kinder- und Jugendpsychiater, warum das so ist – und auf welche Symptome man stattdessen achten sollte.

Video Game Addiction Explained | Game Quitters

Game Quitters ist eine Online-Community für Menschen, die Ihre Spielzeit einschränken und ihr Leben zurückgewinnen möchten. Der Autor bezeichnet sich selbst als früheren Hardcore-Gamer und hat seit mehreren Jahren den Videospielen komplett den Rücken gekehrt.

Die 5+ besten Bücher

Ratgeber Videospiel- und Internetabhängigkeit

Buch: Ratgeber und Hilfe bei Sucht und Abhängigkeit von Computer, Games und Internet.

Daniel Illy und Jakob Florack | Amazon

Illy und Florack kennen als Psychiater die Nöte von videospielsüchtigen Kindern und Jugendlichen. Im Ratgeber für Betroffene und Eltern zeigen sie, wie moderne Spiele gezielt suchtfördernde Mechanismen verwenden, um Spieler länger zu motivieren.

Im Selbsthilfe-Teil stellen Sie Methoden aus der Verhaltenstherapie vor und geben Tipps für den Umgang mit süchtigen Spielern.

Onlinesucht: Ein Ratgeber für Eltern

Buch: Ratgeber Onlinesucht für Eltern und Betroffene von Isabel Willemse

Isabel Willemse | Amazon

Der Medienpsychologin und Psychotherapeutin ist mit “Onlinesucht” ein leicht verständliches und gut strukturiertes Buch gelungen. Erklärt werden die Rolle der Risikofaktoren bei der Entstehung einer Videospiel-Sucht, psychische Begleiterkrankungen und die psychologischen Mechanismen dahinter. Außerdem Tipps zu Regeln der Mediennutzung in der Familie.

Die 5+ besten Online-Artikel

Washington Post: The next level – Video games are more addictive than ever berichtet von einem 15-jährigen, der von seinen Videospielen nicht los kommt und von Games, die immer mehr um suchtfördernde Mechanismen erweitert werden. Nur so können die Entwickler jedese Jahr mehr Umsatz generieren.

Zeit Online: In Videospiele können Grundbedürfnisse befriedigen erklärt der Medienpsychologe Leonard Reinecke, warum moderne Videospiele das Bedürfnis nach Selbstbestimmtheit, Erfolgserlebnissen und sozialen Kontakten befriedigen können. Er spricht auch davon, unter welchen Umständen sich exzessives Spielen wieder von alleine legen kann.

Spiegel Online: Auch kritische Stimmen sollten gehört werden. In Videospielsucht gilt jetzt als Krankheit – dieser Forscher ist dagegen erklärt der Psychologe Malte Elson warum er einer Einstufung als psychische Erkrankung skeptisch gegenüber steht.

Vivantes: Videospiele: Ein harmloses Hobby oder gefährliche Sucht? erklärt in einfachen Worten, welche Spielelemente die Entstehung einer Videospiel-Sucht fördern.

MDR: Videospielsucht Hier gibt’s Hilfe – Kurzer Artikel mit Podcast, darin spricht ein Mitarbeiter der Beratungsstelle Lost in Space in Berlin, die Beratung und Behandlung für Videospiel-Süchtige anbietet.

Heise c’t: Die Psycho-Tricks der App-Entwickler beschreibt, mit welchen psychologischen Tricks die Games- und App-Industrie Nutzer von ihren Diensten und Spielen abhängig macht.

Der Standard: Gamingsucht offiziell als Krankheit anerkannt – bald erste Therapien über die Diskussion um die offizielle Anerkennung der WHO und die Lobbyarbeit der Spieleindustrie.

Gamestar: Sucht nach Videospielen – So erkennt ihr, ob Freunde und Familie betroffen sind – interessant sind vor allem die Kommentare der Nutzer, die sich recht kritisch mit dem eigenen Spielverhalten auseinandersetzen.

Die 5 aktuellsten wissenschaftlichen Studien

Can Worried Parents Predict Effects of Video Games on Their Children? (Lieberoth & Fiskaali, 2021) geht der Frage nach, ob Eltern einschätzen können, ob ihr Kind tatsächlich süchtig nach Videospielen ist. doi, PubMed, Fulltext.

Social Context and Gaming Motives Predict Mental Health Better Than Time Played (Sauter, Braun, & Mack, 2021) Eine große Studie darüber, welche Symptome eine Videospiel-Sucht besser vorhersagen können als die reine Spielzeit. doi, PubMed.

Gaming among Children and Adolescents during the COVID-19 Lockdown: The Role of Parents in Time Spent on Video Games (Donati et. al 2021 untersucht, ob die Mediennutzung der Eltern auch Einfluss auf die Suchtgefahr für ihre Kinder hat. doi, PubMed, Fulltext.

FAQ – Häufige Fragen

Geht eine Videospiel-Sucht von alleine weg?

Nein, in einer Studie waren von 100 unbehandelten Jugendlichen auch nach einem Jahr noch 90 abhängig von Videospielen. Eine Videospiel-Sucht ist eine anerkannte psychische Erkrankung zu der es wirksame Therapien gibt. Deshalb sollten Sie sich Hilfe bei Beratungsstellen oder Psychologen suchen.

Was ist Videospiel-Sucht?

Videospiel-Sucht ist eine Verhaltenssucht – ganz ähnlich wie Spielsucht oder Kaufsucht. Als Symptome zählen weniger die gespielten Stunden als vielmehr die Auswirkungen auf das echte Leben: Sozialer Rückzug, Leistungsabfall in Schule/Beruf, häufige Konflikte, Weiterspielen trotz negativer Konsequenzen und Kontrollverlust.

Was sind die Ursachen von Videospiel-Sucht?

Süchte haben immer Ursachen in 3 Bereichen: die eigene Persönlichkeit (psychische Stabilität), den Merkmalen des Suchtmittels (z. B. Lootboxen in den Videospielen) und dem Umfeld (etwa Leistungsdruck durch die Gesellschaft). Mehr dazu im Artikel zum TRIAS-Modell zu Videospiel-Sucht.

Was können Eltern gegen Videospiel-Sucht tun?

Wichtig ist, das Problem geschickt anzusprechen – weniger Vorwürfe, mehr Sorge zeigen, Fakten statt Generalisierungen. Generelle Verbote funktionieren selten. Besser sind Mediennutzungsverträge. Manche Techniken aus der Suchttherapie zu Videospielsucht können Eltern auch selbst ausprobieren – etwa die Kosten-Nutzen-Analyse oder Belohnungspläne. Auch wichtig: Selbst ein gutes Vorbild sein.

Wann soll ich mir wegen Videospiel-Sucht einen Psychologen suchen?

Wenn Sie das Gefühl haben, die Kontrolle verloren zu haben und der Betroffene Ihre Sorgen überhaupt nicht mehr nachvollziehen kann. Ein kritischer Punkt sind auch Anzeichen von Depression oder hohe Aggressivität (ggf. sogar gewalttätige Übergriffe. Bei der Entscheidung hilft Ihnen dieser Test: “Besser zum Psychologen?”.

Welche Begleiterkrankungen sind bei Videospiel-Sucht häufig?

Über 90 % der Videospielsüchtigen zeigen zusätzlich eine der folgenden Co-Morbiditäten: Persönlichkeitsstörung: 52 %, Angststörungen: 50 %, Depressionen: 40%, ADHS: 23 %. Besonders wichtig ist die Abklärung von Depressionen wegen der hohen Suizidgefahr.

Wie verläuft eine Videospiel-Sucht?

Es gibt Schicksalsschläge, nach denen eine Videospiel gehäuft auftritt: Todesfälle in der Familie, Trennungen, Umzug, Schulwechsel. Auch berufliche oder biografische Veränderungen (Studienbeginn in einer Fremden Stadt, Arbeitslosigkeit) können eine Videospiel-Sucht begünstigen. Typischerweise kommt ein Teufelskreis einer Sucht in Gang. Der Betroffene spielt immer mehr, auch um die Folgen seiner Sucht zu verdrängen. In über 90 % der Fälle bessert sich die Situation nicht mehr von alleine.

Ist Videospiel-Sucht eine echte anerkannte psychische Krankheit?

Ja, Videospiel-Sucht ist seit 2018 als “Gaming Disorder” im offiziellen Katalog der psychischen Krankheiten der Weltgesundheitsorganisation WHO gelistest.

Warum kann man süchtig nach Videospielen werden?

Die Freude, Entspannung und Aufregung, die auch gesunde Videospieler empfinden wirkt auf das Gehirn – es verknüpft die Videospiele mit positiven Emotionen. Bei Süchtigen gerät dieses Belohnungszentrum des Gehirns außer Kontrolle. Im Vergleich zu den Spielen wird die Offline-Welt uninteressant. Der Betroffene spielt immer mehr.

Wie erkennt man eine Videospiel-Sucht?

Im offziellen Katalog der psychischen Krankheiten ist die “Gaming Disorder” mit diesen Symptomen gelistet: Kontrollverlust, Toleranzentwicklung und Weiterspielen trotz negativer Konsequenzen. Außerdem sollte das exzessive Spielen bereits über 6-12 Monate bestehen.

Wie ist Videospiel-Sucht definiert?

Videospiel-Sucht ist zwanghaftes Spielen von Videospielen, bei dem der Betroffene die Kontrolle verloren hat und trotz negativer Konsequenzen sein Verhalten nicht ändern kann.

Was sind die besten Tipps gegen Videospiel-Sucht bei Kindern?

1. Erstellen Sie gemeinsam einen Mediennutzungsplan, den Sie beide einhalten. 2, Versuchen Sie, besonders kritische Spiele mit Mikrotransaktionen, Lootboxen, Online-Zwang zu vermeiden. 3, Optimalerweise bekommt Ihr Kind auch vor dem 12. Geburtstag kein eigenes Smartphone oder PC (ein Telefon ohne Internetzugang ist ok).

Was sind die besten Tipps gegen Videospiel-Sucht bei Erwachsenen?

1. Erstellen Sie einen Tages- und Wochenplan, füllen Sie die Freizeit mit festen Aktivitäten offline. 2. Versuchen Sie, alte Hobbys wieder zu aktivieren und auf alte Freundeskreise zuzugehen. 3. Vermeiden Sie kritische Spiele-Genres mit typischerweise Free2Play-Modellen und Online-Zwang.

Was passiert bei Videospiel-Sucht im Gehirn?

Die Spiele reizen das Belohnungszentrum, das uns positive Gefühle, Flow-Erleben und Spielspaß beschert. Bei Süchtigen wird die erlernte Verknüpfung zwischen den positiven Reizen und Gefühlen so groß, dass das Offline-Leben im Vergleich uninteressant wird. Durch die Toleranzentwicklung muss der Süchtige immer mehr spielen, um dieselben postiven Effekte zu erlangen.

Wie ist die Prognose bei einer Computerspiel-Sucht?

Fast 90 % der Videospiel-Süchtigen können sich nicht mehr von selbst aus der Abhängigkeit lösen. Um den Teufelskreis der Sucht zu stoppen brauchen sie mindestens eine Beratung, besser eine Therapie. Methoden aus der (psychotherapeutischen) Verhaltenstherapie sind gut belegt und wirksam. Die meisten schaffen es, in ein normales Leben mit kontrolliertem Spielen zurückzufinden. Einige wenige bevorzugen komplette Abstinenz.

Helfen Verbote oder ein kalter Entzug bei Videospiel-Sucht?

Eher nicht. In der Therapie wird der kalte Entzug nur selten und dann nur in Suchtkliniken verwendet. Bei ambulanten Therapien versucht man einen geregelten Umgang mithilfe des Ampelmodells zu finden.
Router verstecken, technische Hürden und Verbote ohne flankierdende alternative Freizeitgestaltungen verschärfen den Konflikt eher weiter.

Können Videospiele krank machen?

Ja – allerdings betrifft das mit 2-4 % der Gamer nur eine kleine Minderheit. Bei diesen 2-4 % kommen zu den suchtfördernen Spielen auch noch andere ungünstige Ursachen hinzu – Stress, Überforderung, ungünstige Lebensumstände und psychische Vorerkrankungen.

Was macht an Videospielen süchtig?

Videospiele müssen heute viel Geld einspielen. Deshalb nutzen Entwickler psychologische Tricks, um die Spielmotivation und damit die effektive Spielzeit zu erhöhen. Die bekanntesten sind intermittierende Itemdrops oder sonstige Belohnungen, sozialer Druck in Online-Spielen, Mikrotransaktionen und Glücksspielelemente.

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