Computerspiel-Sucht

von Dr. Armin Kaser | Psychologe

2-6 % sind laut WHO-Kriterien süchtig nach Computerspielen. Wie man eine Videospiel-Sucht erkennt, was Eltern tun können und wie die Therapie funktioniert, lesen Sie hier.

Auf dem YouTube-Kanal zu Computerspiel-Sucht von Dr. Armin Kaser finden Sie Ursachen, Tipps und Therapiemöglichkeiten.
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Zusammenfassung

  • Seit Juni 2018 ist Computerspiel-Sucht offiziell von der Weltgesundheitsorganisation als psychische Krankheit anerkannt.
  • Computerspielsüchtige und ihre Familien leiden massiv unter der Sucht. Ihr Alltag, Schule oder Job sind schwer beeinträchtigt.
  • Computerspiel-Sucht hat psychische und körperliche Folgen: Vereinsamung, Schul- und Studienabbruch, Jobverlust, Depression bis hin zu Suizidgefahr, Versäumen von Entwicklungsschritten (z.B. Absolute Beginner).
  • Die meisten Süchtigen leiden an mindestens einer weiteren psychischen Störung wie Depressionen, Ängsten oder Persönlichkeitsstörungen.
  • Helfen können Psychologen, Suchtkliniken und in leichten Fällen Techniken zur Selbsthilfe.

Symptome

Typische Symptome einer Computerspielsucht sind:

  1. Unwiderstehliches Verlangen: Im Alltag kreisen die Gedanken immer wieder um Computerspiele und die nächste Gelegenheit weiterspielen zu können.
  2. Kontrollverlust: Dem Betroffenen ist nicht bewusst, wie viel seines Alltags er mit Computer und Konsole verbringt. Er hält es auch nicht durch, wenn er sich vornimmt, die Spielzeit zu reduzieren.
  3. Entzugserscheinungen: Kann der Süchtige nicht spielen (z. B. in Arbeit, Schule oder bei einem Verbot) wird er aggressiv, unruhig, nervös, reizbar.
  4. Toleranzentwicklung: Je länger die Sucht andauert, desto mehr muss er spielen. Aus anfänglich wenigen Stunden täglich werden immer mehr.
  5. Weiterspielen trotz negativer Konsequenzen: Auch wenn er erkennen kann, dass das exzessive Spielen zu Problemen in Schule und Job, zu Konflikten in der Familie und psychischen und körperlichen Folgen führt, spielt er weiter.
  6. Verheimlichung und Lügen: Typisch für Verhaltenssüchte ist, dass die Betroffenen ihre Eltern, Partner oder Familie belügen und heimlich weiterspielen. So fällt oft lange nicht auf, wie schwerwiegend das Problem bereits geworden ist.

Diese Symptome sind auch Kriterien in den Diagnosemanualen DSM-5-TR (Video Game Addiction) bzw. ICD 11 (6C51 Computerspielsucht). Für eine gesicherte Diagnose verwenden Psychologen wissenschaftlich geprüfte Fragebögen.

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Häufigkeit

Studien ergeben, dass zwischen 2 und 6 % der Untersuchten computerspielsüchtig sind. Nach der neuesten DAK-Studie von 2024 weisen rund 25 % der 10- bis 17-Jährigen in Deutschland ein problematisches Mediennutzungsverhalten auf, ein deutlicher Anstieg gegenüber den Vor-Corona-Werten.

Vergleich der Statistiken - Computerspiel-Sucht in Ländern weltweit.
Häufigkeit von Computerspiel-Sucht – Deutschland und Österreich im weltweiten Vergleich (Quellen).

Die große Bandbreite hängt mit dem untersuchten Land, mit den Untersuchungsmethoden und unterschiedlichen Altersgruppen zusammen. Asiatische Länder wie China scheinen mit besonders hohen Zahlen trauriger Vorreiter zu sein. Es ist aber zu befürchten, dass Österreich und Deutschland weiter aufholen.

Großteils männlich

Männer und Jungen sind viel häufiger computerspielsüchtig als Frauen. In Beratungsstellen melden sich zu 96 % Männer.

Sie haben eine Vorliebe für Wettkampf und Spielgenres, die eher süchtig machen: 3D-Shooter, MOBAs und Rollenspiele. Frauen bevorzugen eher soziale Netzwerke wie Instagram – sie werden eher internet- und onlinesüchtig.

Ursachen

Computerspiel-Sucht hat Ursachen in 3 Bereichen:

1. In der Persönlichkeit des Betroffenen selbst: Manche Menschen sind genetisch bedingt anfälliger für Süchte. Introvertierte und Schüchterne haben weniger Freunde und Hobbys, Computerspiele sind für sie verlockender. Einsamkeit und emotionale Instabilität sind ebenfalls ungünstig.

2. In den Merkmalen der Computerspiele: Spieleentwickler bauen absichtlich Belohnungsmechanismen ein, die Gefühle der Freude und Zufriedenheit auslösen. Besonders Gratis-Spiele und Rollenspiele verwenden psychologische Tricks, um zum Weiterspielen zu motivieren und möglichst lange an das Spiel zu fesseln. Für die meisten Spieler ist das kein Problem, ein kleiner Teil wird davon aber süchtig. Auch ob man das Spiel alleine oder im Multiplayer-Modus im Internet spielt, macht ebenfalls einen Unterschied.

3. In Familie, Umwelt und Gesellschaft: eine Familie und hohes Bildungsniveau kann vor Sucht schützen. Familiäre Probleme, Konflikte, Mobbingerfahrungen und Schicksalsschläge wie Tod oder Scheidung verursachen eine Computerspiel-Sucht aber oft mit. Eltern sind manchmal selbst schlechte Vorbilder. Die Gesellschaft trägt ebenfalls dazu bei: Leistungsdruck, ständige Verfügbarkeit von Mobile Games und Sozialen Netzwerken und ein hoher Grad von Digitalisierung. Nicht zuletzt auch, wenn Schüler Geräte von der Schule gestellt bekommen. Dazu kommt ein deutlicher Trend zu Einsamkeit, Individualismus und allein lebenden Singles.

Entstehungsmodell

Wenn ungünstige Merkmale in Person, des Suchtmittels und der Umwelt aufeinandertreffen, entsteht aus dieser Kombination hohe Suchtgefahr. Enttäuschungen im Real-Life versucht der Betroffene durch Computerspielen auszugleichen (Spielen als Stress-Bewältigung). Die Erfolgserlebnisse und positiven Emotionen lassen die reale Welt uninteressant werden. Für das menschliche Gehirn ist die reizvolle, belohnende Umgebung in den Spielen die neue „Normalität“.

Modell der Entstehung von Computerspiel-Sucht in Anlehnung an ein Diathese-Stress-Modell
Entwicklung einer Computerspiel-Sucht

Begleiterkrankungen

Über 90 % der Computerspiel-Süchtigen leiden zusätzlich an einer anderen psychischen Störung.

Am häufigsten sind Persönlichkeitsstörungen (52 %), Angststörungen (50 %) und Depressionen bzw. Burnout.

Diagramm: Die häufigsten Begleiterkrankungen - Komorbidität bei Computerspiel- und Internet-Sucht
Mehr als 90 % der Computerspiel-Süchtigen leiden an einer weiteren psychischen Störung wie Depressionen, ADHS oder Persönlichkeitsstörungen (Quellen).
  1. Bei Persönlichkeitsstörungen (52 %) sind Gefühlsleben, Denken und die Beziehungen zu anderen Menschen in besonderer Weise ausgeprägt, unflexibel oder wenig angepasst. Die häufigsten sind Paranoia, Borderline, Hysterie/histrionisch, Narzissmus, ängstlich-vermeidend (schüchtern), dependent, zwanghaft.
  2. Depression und Burnout sind die gefährlichsten Begleiterkrankungen, weil damit eine hohe Suizidrate einhergeht. Bei gedrückter Stimmung, Interessenverlust und Freudlosigkeit, Schlafstörungen und Traurigkeit sollten Sie sich professionelle Hilfe holen.
  3. ADHS (24 %) scheint oft zu Computerspiel-Sucht zu führen. Eine Erklärung ist, dass Computerspiele schnelle, einfache Belohnungen und Glücksgefühle bieten. Diese „unnatural rewards“ finden ADHS-Kinder und -Erwachsene im echten Leben sonst nicht.
  4. Angststörungen (z. B. soziale Ängste) sind bei 50 % der Computerspiel-Süchtigen zu finden. Die extreme Schüchternheit, Unsicherheit und ein Mangel an sozialer Kompetenz machen es schwer, im echten Leben Beziehungen und Hobbys aufzubauen.

Auch umgekehrt lassen sich bei Menschen mit psychischen Erkrankungen häufig eine Computerspiel- oder Internet-Sucht feststellen.

Eine schwierige Frage ist deshalb, ob Begleiterkrankung oder Computerspiel-Sucht da waren – und ob das Andere lediglich die Folge war. Für eine Therapie ist das kaum von Belang. Selbst wenn eine Computerspiel-Sucht ausschließlich von einer bestehenden psychischen Erkrankung – etwa einer Depression – ausgelöst wird. Nach Abklingen der Depression wird die Computerspiel-Sucht noch da sein und behandelt werden müssen.

Diagramm: Computerspiel-Sucht als Ursache von psychischen Störungen vs. Computerspiel-Sucht als Folge von psychischen Störungen
Was ist der Auslöser, was sind die Folgen von Computerspiel-Sucht?

Co-Abhängigkeit

Keine eigentliche Erkrankung, aber ein Umfeld, das ein Verbleiben in der Sucht ermöglicht und ebenfalls verändert werden muss: Eltern, Partner und Freunde versuchen aus Mitleid oder Liebe oft, den Süchtigen vor den Konsequenzen seiner Sucht zu schützen – etwa indem sie finanziell aushelfen oder Ausreden gegenüber Schule oder Arbeitgeber liefern. Sie hoffen, ihm damit etwas Gutes zu tun.

Leider fördert diese Co-Abhängigkeit die Sucht nur noch weiter und alle Anderen leiden auch selbst immer mehr an der Situation.

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Folgen

Jede Sucht hat Folgen. Unter einer Computerspiel-Sucht leiden der Betroffene selbst, aber auch Eltern, Familie, Partner und Kinder.

  1. Einsamkeit und sozialer Rückzug: Eltern, Partner, Familie und Freunde versuchen oft noch lange, den Computerspiel-Süchtigen außer Haus zu locken. Sie verstehen nicht, dass die Sucht das Problem ist. Am Ende geben Sie desillusioniert auf. Dann bleiben dem Süchtigen nur noch seine Online-Kontakte, die oft in derselben Situation gefangen sind. Eine Besserung wird damit immer unwahrscheinlicher. Besonders, wenn die Computerspiel-Sucht während der Jugend beginnt, versäumt der Betroffene Entwicklungsschritte, die später schwer nachzuholen sind. Zum Erwachsenwerden gehören auch erste sexuelle Erfahrungen, die sich in der Jugend am einfachsten machen lassen.
  2. Depression und Suizidgefahr: Manchmal löst eine bestehende Depression die Computerspiel-Sucht aus. Umgekehrt kann die Einsamkeit, Konflikte, Leidensdruck und Hoffnungslosigkeit der Computerspiel-Sucht auch eine Depression verursachen. Eine Depression ist gefährlich, weil über 15 % der Schwer-Depressiven sich das Leben nehmen. Schon bei leisem Verdacht sollte professionelle Hilfe geholt werden.
  3. Schlechte Noten, Schul- und Studienabbruch: Durchgezockte Nächte und Schlafstörungen lassen die Konzentration in der Schule schwinden. Hausarbeiten werden kaum noch erledigt, viele computerspielsüchtige Jugendliche brechen die Schule ab. An der Universität fällt es oft über Monate niemanden auf, wenn Vorlesungen und Prüfungen mit Computerspielen ersetzt werden. An einen Studienabschluss ist dann nicht mehr zu denken. Eine Computerspiel-Sucht beendet fast immer die Schul- und Studienlaufbahn.
  4. Jobverlust: Arbeitskollegen fällt recht schnell auf, wenn exzessives Spielen am Abend und in der Nacht die Arbeit am nächsten Tag beeinträchtigt. Viele Büroarbeiter haben auch am Arbeitsplatz Zugang zu Computerspielen oder mindestens zu Smartphones. Dann spielen sie lange Zeit unbemerkt während der Arbeitszeit. Manche Computerspiel-Süchtige verlieren ihren Job oder ihre Ausbildungsstelle, wenn das entdeckt wird. Die meisten kommen allerdings von alleine irgendwann nicht mehr zur Arbeit.
  5. Armut: Längere Suchtkrankheiten beenden Schul- und Arbeitskarrieren. Die Betroffenen holen das meist ihr ganzes Leben nicht mehr auf. Schul- und Studienabbrüche verhindern einen späteren beruflichen Aufstieg, Arbeitslosigkeit führt direkt in Armut und Existenzprobleme.
  6. Entwicklungsrückstände: Mangelnde soziale Kontakte und Isolation verhindern, dass der Betroffene natürlich Entwicklungsschritte durchläuft – Aufbau von Freundschaften, erste sexuelle Erfahrungen. Viele ältere Computerspiel-Süchtige sind Absolute Beginner, Menschen ohne Beziehungserfahrung.
  7. Psychische Störungen: Fast 90 % der Computerspiel-Süchtigen leiden unter einer zweiten psychischen Störung. ADHS, Depressionen, Angststörungen, soziale Phobien und Persönlichkeitsstörungen verschlimmern sich, wenn die Computerspiel-Sucht fortschreitet. Manchmal wird aus einem überschaubaren Problem wie Schüchternheit eine gravierende Störung, wenn Belastung und Konflikte durch die Sucht eskalieren.
  8. Körperliche Schäden: Computerspiel-Süchtige sind fast immer entweder auffällig schlank oder deutlich übergewichtig. Aktive Freizeitgestaltung und Hobbys haben sie aufgegeben. Auch die Ernährungsgewohnheiten ändern sich hin zu Fast Food, weil es bequemer und schneller zuzubereiten ist. Auch Haltungsschäden sind häufig, weil die Muskulatur wegen mangelnder Bewegung verkümmert. Augen und Hände werden am meisten und auf unnatürliche Art beansprucht. Die Folgen sind Kurzsichtigkeit (bei Kindern), trockene Augen (Sicca-Syndrom) und Sehnenscheidenentzündungen.
  9. Schlafstörungen: Online-Computerspieler treffen sich meist spät am Abend oder in der Nacht. Der Tag-Nacht-Rhythmus verschiebt sich Stunde um Stunde immer weiter.

Prognose

Eltern hoffen oft, dass die Computerspiel-Sucht ihres Sohnes von alleine wieder verschwindet. So eine Spontanremission ist dann möglich, wenn das exzessive Spielen mit einer schwierigen, begrenzten Lebensphase zusammenhängt, die von selbst irgendwann endet.

Studie zu Spontanremissionen bei Computerspielsucht.
Computerspiel-Sucht verschwindet in den allermeisten Fällen (84 %) nicht mehr von alleine.

Am ehesten passiert eine Spontanremission im Jugendalter. Allerdings sind trotzdem 84 % der unbehandelten computerspielsüchtigen Jugendlichen nach einem Jahr immer noch süchtig. Einfach abwarten ist damit keine Option. Je länger die Sucht andauert, desto größer sind auch die langfristigen Folgen – wenn etwa Schule oder Ausbildung abgebrochen wird, depressive Symptome sich verfestigen und der Rückzug in Vereinsamung führt.

Tipps für Eltern

Was Eltern konkret tun können

Eltern sind in einer besonderen Situation: Sie sind nicht selbst betroffen, tragen aber die Konsequenzen täglich mit – in Konflikten, im Familienalltag, in der Sorge um die schulische und soziale Entwicklung ihres Kindes. Was in dieser Situation hilft, ist nicht dasselbe wie das, was Betroffene selbst tun können.

Die wichtigsten Erkenntnisse aus der Beratungspraxis: Verbote und technische Sperren funktionieren kurzfristig nicht – sie verlagern das Problem oder eskalieren den Konflikt. Was wirkt, ist eine Kombination aus klarer Struktur, ruhiger Kommunikation und dem richtigen Timing. Wie das konkret aussieht, hängt vom Alter des Kindes, dem Ausmaß des Problems und der familiären Situation ab.

Einen ausführlichen Überblick über Warnzeichen, Ursachen und erste konkrete Schritte finden Sie im Eltern-Ratgeber: Spielsucht bei Kindern erkennen und handeln.

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Was tun, wenn das Gerät am Abend zur Machtfrage wird? Wenn alle Freunde unbegrenzt spielen dürfen? Wenn Ihr Kind nicht aufhört? Direkte Antworten auf die häufigsten Eltern-Fragen – sofort umsetzbar.

Wie viel Bildschirmzeit ist altersgerecht?

Eine bewährte Faustregel ist die 3-6-9-12-Regel. Sie orientiert sich an vier Altersschwellen und gibt eine grobe Orientierung.

  • Bis 3 Jahre: Möglichst keine Bildschirmzeit. Bildschirmmedien sollten in diesem Alter komplett vermieden werden, Bilderbücher und Hörspiele sind die bessere Alternative.
  • 3 bis 6 Jahre: Maximal 30 bis 45 Minuten täglich, nicht zwingend jeden Tag, und nur in Begleitung Erwachsener.
  • 6 bis 9 Jahre: Erstes eigenes Tablet oder erste Konsolennutzung möglich, weiterhin mit klaren zeitlichen Grenzen von etwa 30 bis 45 Minuten täglich und mit altersgerechten, begleiteten Inhalten.
  • 9 bis 12 Jahre: Erstes eigenes Smartphone frühestens in diesem Alter, idealerweise eher gegen Ende dieser Phase und mit Kindersicherung. Die Bildschirmzeit kann schrittweise auf etwa 1 Stunde täglich erweitert werden, am besten über ein Wochenbudget statt starrer Tageslimits geregelt.
  • Ab 12 Jahren: Unbeaufsichtigtes Internetsurfen wird zunehmend vertretbar, sollte aber weiterhin durch klare Familienregeln (z. B. keine Bildschirme im Schlafzimmer über Nacht, bildschirmfreie Zeiten beim Essen) begleitet bleiben. Die Eigenverantwortung wächst hier spürbar, regelmäßige Gespräche über Online-Erlebnisse bleiben aber wichtig.

Wichtiger als die reine Minutenzahl ist allerdings, was gespielt oder angeschaut wird, ob die Mediennutzung den Alltag, Schlaf und soziale Kontakte beeinträchtigt.

Fallbeispiele

Lukas, 13 Jahre

Lukas‘ Eltern melden sich, weil sich ihr Sohn seit etwa einem Jahr zunehmend verändert hat. Früher hat er sich mit zwei, drei Freunden aus der Nachbarschaft getroffen und war im Fußballverein – mittlerweile hat er beides aufgegeben. Die Freunde melden sich kaum noch, der Verein wurde vor Monaten stillschweigend abgebrochen. Stattdessen verbringt er fast seine gesamte Freizeit mit Online-Spielen, oft bis spät in die Nacht.

In der Schule häufen sich die Probleme: Die Versetzung ist gefährdet, in den letzten Wochen kam es bereits zweimal vor, dass er morgens nicht aufgestanden ist und die Schule geschwänzt hat. Auf Ansprache reagiert er gereizt oder zieht sich komplett zurück.

Die Eltern sind sich uneinig, wie sie reagieren sollen: Die Mutter möchte deutlich strenger durchgreifen, am liebsten Computer und Konsole zeitweise komplett wegnehmen. Der Vater befürchtet, dass das die Situation nur verschärft und den ohnehin schon dünnen Kontakt zu seinem Sohn endgültig abreißen lässt. Dieser Dissens belastet mittlerweile auch die Paarbeziehung. Beide kommen gemeinsam zur Beratung, vor allem um eine gemeinsame Linie zu finden, bevor sich die Lage in der Schule weiter zuspitzt.

Felix, 20 Jahre

Felix‘ Eltern sind beide beruflich erfolgreich und kennen klare Strukturen und Leistungsanspruch aus ihrem eigenen Alltag – umso ratloser stehen sie der Situation ihres Sohnes gegenüber. Felix hat sein Studium vor einem Jahr begonnen, war zuletzt aber kaum noch in Vorlesungen. Die Eltern erfuhren erst durch Zufall, dass er bereits zwei Prüfungstermine verstreichen ließ.

Da Felix längst sein eigenes Zimmer in einer WG bewohnt, haben die Eltern kaum noch direkten Einblick in seinen Alltag. Beim letzten Besuch fiel ihnen auf, wie unordentlich und zurückgezogen er wirkte, Anrufe gehen oft tagelang unbeantwortet. Auf vorsichtige Nachfragen reagiert er ausweichend oder bagatellisiert die Lage selbst.

Die Eltern sind vor allem deshalb verunsichert, weil ihnen aus eigener Erfahrung jeglicher Bezug zu dieser Art von Problem fehlt – in ihrem Umfeld ist exzessives Computerspielen kein Thema, über das offen gesprochen wird. Sie kommen zur Beratung, weil Felix selbst aktuell keine Notwendigkeit sieht, sich Hilfe zu holen, sie aber wissen möchten, wie sie das Gespräch mit ihm sinnvoll angehen und wann ein direktes Eingreifen nötig wäre.

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Professionelle Hilfe

In schweren Fällen oder wenn die Probleme schon lange andauern suchen Sie sich besser professionelle Hilfe.

Diagramm: Behandlung und Therapie von Computerspiel- und Internet-Sucht - Professionelle Hilfe finden
Erste Ansprechpartner sind Online-Sprechstunde, Sucht-Beratungsstellen oder Hausarzt. Hilfe holen in der Regel zuerst Eltern, Partner und Angehörige. Sie müssen den Süchtigen nicht zur Beratung mitbringen.

Für Computerspiel-Sucht gibt es spezielle Therapieprogramme. In einigen wenigen Fällen ist ein stationärer Aufenthalt in einer Spezial-Klinik oder die Unterbringung in einer Wohngruppe sinnvoll. Dort wird in der Regel ein kalter Entzug gemacht, oft mit medikamentöser Unterstützung.

Erste Ansprechpartner sind Online-Sprechstunden, Sucht-Beratungsstellen oder Hausarzt. Hilfe holen in der Regel zuerst Eltern, Partner und Angehörige. Sie müssen den Süchtigen nicht zur Beratung mitbringen. In den meisten Fällen ist er sich selbst des Problems zu diesem Zeitpunkt auch nicht bewusst und sieht auch keinen Grund, etwas zu ändern.

Medikamente gegen Computerspiel-Sucht

Es existiert zwar kein Medikament gegen Computerspiel-Sucht. Gegen die häufigsten Begleiterkrankungen wie Depressionen, Angststörungen oder ADHS kann man auch pharmakologisch vorgehen. Besonders Antidepressiva (SSRI, Mirtazapin) sind eine große Hilfe, wenn es darum geht, den Computerspielsüchtigen erst wieder therapiefähig zu machen.

Kosten der Computerspiel-Sucht-Therapie/Beratung

Der Besuch bei ihrem Hausarzt sollte kostenfrei sein. Niedergelassene Psychotherapeuten (nicht auf Computerspiel-Sucht spezialisiert) kosten 80-140 €/Einheit. Kassenplätze sind leider extrem schlecht verfügbar, eine lange Wartezeit riskiert eine unnötige Verschlimmerung in der Zwischenzeit.

📅 Meine Online-Beratung für Eltern

In 45 Minuten erarbeiten wir gemeinsam eine konkrete Einschätzung Ihrer Situation und einen klaren nächsten Schritt – bequem von zuhause aus, ohne Wartezeit auf einen Kassenplatz. Die Beratung ist kostenpflichtig (Details auf der Buchungsseite), dafür erhalten Sie zeitnah einen Termin.

Blutbild & Organische Ursachen

Bei exzessivem Gaming und gleichzeitigen depressiven Symptomen kann es sich zusätzlich lohnen, nach organischen Ursachen zu suchen – ein Punkt, der in der psychologischen Diagnostik oft übersehen wird. Das ersetzt keine Beratung, ist aber eine sinnvolle Ergänzung.

Ein Mangel an Tageslicht und Nährstoffen sowie hormonelle Schieflagen befeuern Erschöpfung, „Brain Fog“ und Antriebslosigkeit. Sie können depressive Symptome organisch verursachen oder massiv verstärken.

Die wichtigsten Werte: Schilddrüsenwert (TSH), Vitamin D, Vitamin B12, großes Blutbild und Entzündungsmarker (CRP).

  • Gratis beim Hausarzt: Das große Blutbild, der TSH-Wert (Schilddrüse), der Blutzucker sowie Leber- und Entzündungswerte (CRP).
  • Selbst zu bezahlen: Die Bestimmung von Vitamin D und Vitamin B12 muss ohne schweren organischen Vorverdacht meist selbst gezahlt werden, jeweils etwa 20 bis 30 Euro.

Bücher

Zwei Bücher kann ich Eltern und Angehörigen besonders empfehlen, da sie verständlich geschrieben sind und sich direkt an Nicht-Fachleute richten. Mehr Bücher …

Ratgeber Videospiel- und Internetabhängigkeit

Buch Ratgeber Videospiel- und Internetabhängigkeit von Illy und Florack

Daniel Illy und Jakob Florack

Beide Autoren sind Fachärzte für Psychiatrie und arbeiten mit Kindern und Jugendlichen. Sie erklären aktuelle Entwicklungen wie Free2Play und die gezielte Nutzung von suchtfördernden Mechanismen in Videospielen ein. Mit konkreten Tipps für den Umgang mit Betroffenen im Familienalltag.

Onlinesucht: Ein Ratgeber für Eltern

Buch Ratgeber Onlinesucht für Eltern von Isabel Willemse

Isabel Willemse

Das zugänglichste Buch für Eltern, Partnerinnen und Angehörige. Gut aufgebaut und verständlich erklärt. Behandelt Internet-Sucht im Allgemeinen, nicht ausschließlich Computerspiel-Sucht. Inhalte: Entstehung, Begleiterkrankungen wie Depression, Ängste, Schlafstörungen und ADHS, sowie konkrete Regeln zur Mediennutzung in der Familie.

Die wichtigsten Studien

Die Klassiker

Kimberly Young (1998): Internet Addiction – The Emergence of a New Clinical Disorder. Young entwickelte den ersten wissenschaftlichen Fragebogen zur Erfassung von Internetabhängigkeit (Internet Addiction Test, IAT), angelehnt an die diagnostischen Kriterien für pathologisches Glücksspiel. Zeigte erstmals systematisch, dass exzessive Internetnutzung zu echten Beeinträchtigungen in Beruf, Schule und sozialen Beziehungen führen kann. doi.

WHO: Aufnahme von „Gaming Disorder“ in die ICD-11 (2018/2019). Kein einzelner Forschungsartikel, sondern der wichtigste institutionelle Meilenstein des gesamten Feldes: Die Weltgesundheitsversammlung der WHO nahm Computerspielsucht 2019 offiziell als eigenständige Krankheit (Code 6C51) in die 11. Revision der Internationalen Klassifikation der Krankheiten auf. Diese offizielle Anerkennung verschaffte Betroffenen erstmals einen echten Behandlungsanspruch im Gesundheitssystem.

Die einflussreichsten Studien der letzten 3 Jahre

AWMF: S1-Leitlinie Diagnostik und Therapie von Internetnutzungsstörungen (November 2024). Die erste offizielle deutsche Behandlungsleitlinie zu Internet- und Computerspielsucht überhaupt, erarbeitet von der Deutschen Gesellschaft für Suchtforschung. Sie bündelt die verfügbare Evidenz zu Diagnostik und Therapie und gibt erstmals einen verbindlichen fachlichen Rahmen an die Hand. Zur Leitlinie.

DAK-Gesundheit & UKE Hamburg: Mediensucht-Studie 2024 (siebte Erhebungswelle). Die größte und aktuellste deutsche Langzeitstudie zur Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen, durchgeführt vom Deutschen Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters mit rund 1.000 Familien. Etwa jedes vierte Kind beziehungsweise jeder vierte Jugendliche in Deutschland zwischen 10 und 17 Jahren weist ein problematisches Mediennutzungsverhalten auf. Die Werte sind auch nach Ende der Corona-Pandemie nicht auf das Vorpandemie-Niveau zurückgegangen, sondern hoch geblieben. Zur Studie.

Limone, Rangi & Toto (2023): The epidemiology and effects of video game addiction: A systematic review and meta-analysis. Die Metaanalyse ermittelt eine weltweite Prävalenz von Computerspielsucht von etwa 5 %. Sie zeigt zugleich, wie stark die Werte je nach Land, Altersgruppe und Erhebungsmethode schwanken können. doi, PubMed.

💙Sie müssen das nicht alleine bewältigen

Diese Seite bietet viel Information – aber jede Familie und jede Situation ist anders. Wenn Sie sich nicht sicher sind, wie es bei Ihnen konkret weitergehen soll, helfen Ihnen zwei Möglichkeiten:

Noch unsicher? Kostenlose Schritt-für-Schritt-Anleitung per E-Mail anfordern.

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FAQ – Häufige Fragen

Ist Computerspiel-Sucht eine echte anerkannte psychische Krankheit?

Ja, Computerspiel-Sucht wurde 2018 von der Weltgesundheitsorganisation WHO als psychische Störung anerkannt.

Geht Computerspiel-Sucht von alleine weg?

In 90 % der Fälle leider nicht. Weil dann einfaches Abwarten das Problem leider verschlimmert, ist es besser, frühzeitig einzuschreiten. Hilfe und erste Anlaufstellen sind Psychologen oder (Sucht-) Beratungsstellen.

Was können Eltern gegen Computerspiel-Sucht tun?

Geschicktes Ansprechen, Verständnis zeigen. Auf generelle Verbote und technische Hindernisse eher verzichten, sie bringen kaum etwas. Sie können auch einfache psychologische Techniken wie Kosten-Nutzen-Analyse oder Belohnungspläne ausprobieren.

Wann soll ich mir wegen Computerspiel-Sucht einen Psychologen suchen?

Wenn Sie keinen Einfluss mehr haben, Anzeichen von Depression oder hoher Aggressivität sichtbar werden. Bei der Entscheidung hilft Ihnen mein Gratis-Test „Besser zum Psychologen?“.

Helfen Verbote oder ein kalter Entzug bei Computerspiel-Sucht?

Nur wenn der Süchtige damit einverstanden ist. Ansonsten ist es erfahrungsgemäß nicht hilfreich, Router zu verstecken, Internet abzuschalten. In der psychologischen Behandlung versucht man eher, die Mitarbeit des Süchtigen zu fördern als Zwang auszuüben. Ein kalter Entzug wird nur in seltenen Fällen bei einer Aufnahme in eine Suchtklinik sinnvoll sein.

Profilbild Dr. Armin Kaser Psychologe für Absolute Beginner

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