Online-Dating: Warum es für Absolute Beginner nicht funktioniert

Unten finden Sie bereits 1 Video zu diesem Thema.

Sie haben Profile angelegt, Fotos ausgewählt, Hunderte Frauen nach rechts gewischt – und es kamen kaum Matches, noch seltener Antworten und fast nie ein Treffen. Das ist kein Zufall: Gerade Männer ohne Beziehungserfahrung landen besonders oft auf Dating-Plattformen, und gerade sie haben dort die schlechtesten Karten.

Auf einen Blick

  • Männer, die sich nicht trauen, Frauen anzusprechen, weichen auf Vermittlung aus: 87 % der älteren „love-shy“ Männer wollten sich bei einer Partnervermittlung anmelden, aber nur 18 % der selbstsicheren Männer2.
  • Männliche Testprofile auf Tinder bekamen nur für 0,6 % ihrer Likes ein Match, weibliche für 10,5 %1.
  • Frauen, die Tinder nutzten, schätzten sich auf einer Skala von 1 bis 7 im Schnitt mit 5,0 als schwer vermittelbar ein, Frauen ohne Tinder mit 3,09.
Auf Tinder bekommen Männer kaum Matches – Frauen liken sehr wählerisch
Tinder-Messstudie London und New York 2016 mit rund 230.000 Männer- und 250.000 Frauenprofilen, dazu eine Befragung von 131 Nutzern.

Aus meiner Praxis

Praktisch keiner meiner Klienten hat über Online-Dating eine Partnerin gefunden. Viele haben es jahrelang versucht, bevor sie zu mir kamen. Die Erfolge kamen fast immer über Orte, an denen man denselben Menschen wiederholt begegnet.

Die Forschung erklärt, warum das so ist.

Wer sich offline nicht traut, sucht online

Der Psychologe Brian Gilmartin befragte in den USA 300 Männer, die sich nicht trauten, Frauen anzusprechen („love-shy“), und 200 selbstsichere Männer2:

  • 87 % der älteren love-shy Männer (35–50 Jahre) und 65 % der jüngeren wollten sich bei einer Partnervermittlung anmelden – aber nur 18 % der selbstsicheren Männer.
  • Seine Erklärung: Die Selbstsicheren haben keine Mühe, im Alltag Frauen kennenzulernen. Sie brauchen keine Vermittlung.
  • Unter den männlichen Kunden von Partnervermittlungen schätzte er den Anteil stark love-shy Männer auf bis zu 30 %.

Die Daten stammen aus der Zeit vor dem Internet. Das Muster zeigt sich aber auch in neueren Studien:

  • Bei einer frühen Online-Partnervermittlung (USA) gaben schüchterne Nutzer deutlich häufiger als wenig schüchterne an, dort Romantik oder Sex zu suchen3.
  • Unter Nutzern deutscher Singlebörsen gilt: Je schüchterner, emotional labiler und je geringer das Selbstwertgefühl, desto intensiver die Nutzung. Gut ein Viertel der Nutzer (62 von 222) bildete einen eigenen Typ, den die Autorinnen „schüchterne, kompensatorische Kontaktsucher“ nennen4.
  • Wer besonders empfindlich auf Zurückweisung reagiert, nutzt Dating-Seiten häufiger (zwei US-Studien mit 725 und 640 Befragten)5,6.
  • In Deutschland (Beziehungs- und Familienpanel pairfam, 7.192 Befragte) waren Menschen, die ihren Partner online fanden, im Schnitt weniger extravertiert als jene, die sich offline kennenlernten8.
Wer sich nicht traut, Frauen anzusprechen, will sich vermitteln lassen – Selbstsichere kaum

Dort konkurrieren Sie mit allen

Das Problem: Online treffen Sie nicht nur auf andere Zurückhaltende, sondern auf alle, auch auf die sozial Geübten. In einer niederländischen Studie waren Menschen mit wenig Dating-Angst auf Dating-Seiten sogar aktiver als ängstliche7. Beides passt zusammen: Die Schüchternen weichen ins Netz aus, die Geübten nutzen es zusätzlich – und sind dort genauso im Vorteil wie offline.

Dazu kommt ein schiefer Markt:

  • In Großbritannien sind 65 % der Besucher von Dating-Diensten Männer12.
  • 59 % der befragten Frauen auf Tinder liken höchstens jedes zehnte Profil, aber nur 9 % der Männer. Rund ein Drittel der Männer likt fast jedes Profil1.
  • Auf einer US-Dating-Seite blieben 71 % der ersten Nachrichten von Männern unbeantwortet14.
  • Männer und Frauen schreiben im Schnitt Menschen an, die etwa 25 % begehrter sind als sie selbst. Schreibt ein Mann eine begehrtere Frau an, liegt die Antwortquote nie über 21 %13.
  • Je mehr Profile jemand sieht, desto häufiger lehnt er ab: im Mittel 27 % weniger Zusagen vom ersten bis zum letzten Profil15.

Ein Mann ohne Beziehungserfahrung hat online wenig vorzuweisen: keine lockeren Fotos aus einem Leben mit Partnerin, wenig Übung im unverbindlichen Schreiben. In dieser Rangordnung steht er weit unten.

Je mehr Profile man sieht, desto häufiger lehnt man ab
Teilnehmende: Online-Panel in den USA und Studierende in den Niederlanden (Studie 2: n = 158, Studie 3: n = 305).

Wen Sie dort treffen

Auch die Frauen auf den Plattformen sind eine Auswahl. Wer dort Frauen trifft, trifft im Schnitt häufiger Frauen, die selbst unsicher in Beziehungen sind:

  • In zwei US-Studien (581 Befragte) schätzten sich Frauen, die Tinder nutzten, als deutlich weniger begehrt ein als Frauen ohne Tinder (5,0 gegenüber 3,0 auf einer Skala von 1 bis 7). Sie waren außerdem ängstlicher gebunden, also stärker von Verlustangst in Beziehungen geprägt (5,0 gegenüber 3,5). Bei Männern war der Unterschied deutlich kleiner9.
  • Die Autoren deuten Tinder bei Frauen als Ausweichstrategie: Frauen, die sich begehrt fühlen, brauchen die App nicht9.
  • Männliche Tinder-Nutzer waren in derselben Studie narzisstischer und psychopathischer als Nichtnutzer9.
  • In einer Studie der Universität Linz (555 Befragte) waren App-Nutzer insgesamt narzisstischer, machiavellistischer und psychopathischer als Nichtnutzer; Narzissmus sagte die Nutzung am besten vorher10.
  • 18 bis 25 % der Tinder-Nutzer sind bereits in einer festen Beziehung. Diese vergebenen Nutzer waren neurotischer und psychopathischer als Vergebene ohne Tinder11.

Das ist kein Urteil über einzelne Frauen. Es bedeutet aber: Die Plattform bringt Sie bevorzugt mit Menschen zusammen, denen der Beziehungsaufbau selbst schwerfällt.

Frauen auf Tinder fühlen sich weniger begehrt und sind ängstlicher gebunden

Was es mit Ihnen macht

  • Nutzer von Swipe-Apps hatten in einer australischen Studie ein 2,5-fach erhöhtes Risiko für psychische Belastung17.
  • Über zwölf Wochen nahm die Erschöpfung aktiver Nutzer zu, stärker bei depressiven, ängstlichen und einsamen. Apps können bestehende Schwierigkeiten verletzlicher Nutzer verstärken18.
  • 64 % der männlichen Nutzer in den USA fühlten sich verunsichert, weil sie so wenige Nachrichten bekamen19.
  • In Belgien (1.038 Tinder-Nutzer) hatten 85 % über die App nie eine feste Beziehung begonnen16.

Was Sie konkret tun können

  • Orte mit wiederholtem, persönlichem Kontakt suchen: Tanzkurs, Verein, Chor, Sportgruppe, Ehrenamt, Volkshochschule. Dort sehen Sie dieselben Frauen jede Woche wieder, und Vertrauen entsteht nebenbei.
  • Den Bekanntenkreis ausbauen: Sagen Sie Ja zu Einladungen, organisieren Sie selbst etwas. Frauen aus dem Umfeld Ihrer Bekannten begegnen Ihnen mit einem Vorschuss an Vertrauen.
  • Organisierte Partys und Gruppenveranstaltungen nutzen: viele Menschen, geringe Hürde.
  • Speed-Dating als Übung sehen: Eine Partnerin findet man dort selten, aber Sie üben Gespräche unter echten Bedingungen.
  • Flirten üben: Was Flirtkurse und Dating-Coaches bringen und wo sie nicht reichen, lesen Sie auf der Seite „Flirtkurs, Dating-Coach oder Psychologe?“.
  • App-Zeit umwidmen: Die Stunden, die Sie mit Wischen verbringen, sind bei einem Hobby mit Menschen besser investiert.
  • Mehr dazu: „Orte, um die erste Partnerin kennenzulernen“.

Häufige Fragen

Warum bekomme ich auf Tinder keine Matches?

Weil Männer weit in der Überzahl sind und Frauen sehr wählerisch liken. Männliche Testprofile bekamen nur für 0,6 % ihrer Likes ein Match1.

Ist Online-Dating nicht ideal für schüchterne Männer?

Schüchterne Männer nutzen es tatsächlich häufiger2,3,4. Geholfen ist ihnen damit nicht: Dort konkurrieren sie mit sozial geübten Männern, und die Zurückhaltung, die offline im Weg steht, sitzt beim ersten Treffen wieder mit am Tisch.

Liegt es an meinen Fotos oder meinem Profil?

Nur zum Teil. Auch gut gemachte Männerprofile bekommen deutlich weniger Resonanz als Frauenprofile. Das Problem ist vor allem der Markt1,13.

Sind die Frauen auf Dating-Apps anders?

Im Schnitt ja: Nutzerinnen schätzen sich in Studien als weniger begehrt ein und sind ängstlicher gebunden als Frauen ohne App9. Einzelne Frauen können natürlich ganz anders sein.

Wo lerne ich stattdessen Frauen kennen?

An Orten, wo Sie Frauen regelmäßig persönlich treffen: Kurse, Vereine, Freizeitgruppen, Bekanntenkreis.

Die Videos zu diesem Thema

Online: Warum kaum Antworten?

Bruch und Newman haben ausgewertet, wen die Nutzer einer großen Dating-Plattform in vier US-Städten anschreiben und wer antwortet. Es zeigte sich eine klare Rangordnung: Die meisten schreiben Menschen an, die im Schnitt rund ein Viertel begehrter sind als sie selbst. Je größer der Abstand, desto seltener kommt eine Antwort. Online werden Sie also nach einer Rangliste sortiert, bevor Sie jemand kennt. Orte, an denen man sich immer wieder begegnet, sind die bessere Wahl.

Quelle: Bruch, E. E. & Newman, M. E. J. (2018). Aspirational pursuit of mates in online dating markets. Science Advances, 4(8), eaap9815. doi:10.1126/sciadv.aap9815

Weitere Videos zu diesem Thema sind in Vorbereitung.

Wie es weitergeht

Sie möchten wissen, woran es bei Ihnen liegt? Der kostenlose Online-Test gibt Ihnen eine erste Einschätzung. Ausführliche Informationen finden Sie auf meiner Infoseite für Absolute Beginner. Und wenn Sie konkret etwas verändern wollen, können Sie ein Gespräch per Video mit mir buchen.

Profilbild Dr. Armin Kaser Psychologe für Absolute Beginner

Quellen

  1. Tyson, G., Perta, V. C., Haddadi, H., & Seto, M. C. (2016). A first look at user activity on Tinder. Proceedings of the 2016 IEEE/ACM International Conference on Advances in Social Networks Analysis and Mining (ASONAM). https://arxiv.org/abs/1607.01952
  2. Gilmartin, B. G. (1987). Shyness and love: Causes, consequences, and treatment. Lanham, MD: University Press of America (S. 139–140, 492, 543).
  3. Scharlott, B. W., & Christ, W. G. (1995). Overcoming relationship-initiation barriers: The impact of a computer-dating system on sex role, shyness, and appearance inhibitions. Computers in Human Behavior, 11(2), 191–204. https://doi.org/10.1016/0747-5632(94)00028-G
  4. Aretz, W., Demuth, I., Schmidt, K., & Vierlein, J. (2010). Partner search in the digital age: Psychological characteristics of online-dating-service-users and its contribution to the explanation of different patterns of utilization. Journal of Business and Media Psychology, 1, 8–16. https://journal-bmp.de/wp-content/uploads/JBMP-1-2010-OnlineDating-Aretz.pdf
  5. Blackhart, G. C., Fitzpatrick, J., & Williamson, J. (2014). Dispositional factors predicting use of online dating sites and behaviors related to online dating. Computers in Human Behavior, 33, 113–118. https://doi.org/10.1016/j.chb.2014.01.022
  6. Hance, M. A., Blackhart, G., & Dew, M. (2018). Free to be me: The relationship between the true self, rejection sensitivity, and use of online dating sites. The Journal of Social Psychology, 158(4), 421–429. https://doi.org/10.1080/00224545.2017.1389684
  7. Valkenburg, P. M., & Peter, J. (2007). Who visits online dating sites? Exploring some characteristics of online daters. CyberPsychology & Behavior, 10(6), 849–852. https://doi.org/10.1089/cpb.2007.9941
  8. Danielsbacka, M., Tanskanen, A. O., & Billari, F. C. (2019). Who meets online? Personality traits and sociodemographic characteristics associated with online partnering in Germany. Personality and Individual Differences, 143, 139–144. https://doi.org/10.1016/j.paid.2019.02.024
  9. Jonason, P. K., & Bulyk, R. (2019). Who uses Tinder?: The Dark Triad traits, attachment, and mate value. Studia Psychologica: Theoria et Praxis, 19(1), 5–15. https://doi.org/10.21697/sp.2019.19.1.01
  10. Freyth, L., & Batinic, B. (2021). How bright and dark personality traits predict dating app behavior. Personality and Individual Differences, 168, 110316. https://doi.org/10.1016/j.paid.2020.110316
  11. Timmermans, E., De Caluwé, E., & Alexopoulos, C. (2018). Why are you cheating on Tinder? Exploring users‘ motives and (dark) personality traits. Computers in Human Behavior, 89, 129–139. https://doi.org/10.1016/j.chb.2018.07.040
  12. Ofcom (2024, 28. November). Digital differences between men and women revealed [Pressemitteilung]. https://www.ofcom.org.uk/media-use-and-attitudes/online-habits/digital-differences-between-men-and-women-revealed
  13. Bruch, E. E., & Newman, M. E. J. (2018). Aspirational pursuit of mates in online dating markets. Science Advances, 4(8), eaap9815. https://doi.org/10.1126/sciadv.aap9815
  14. Hitsch, G. J., Hortaçsu, A., & Ariely, D. (2010). Matching and sorting in online dating. American Economic Review, 100(1), 130–163. https://doi.org/10.1257/aer.100.1.130
  15. Pronk, T. M., & Denissen, J. J. A. (2020). A rejection mind-set: Choice overload in online dating. Social Psychological and Personality Science, 11(3), 388–396. https://doi.org/10.1177/1948550619866189
  16. Timmermans, E., & Courtois, C. (2018). From swiping to casual sex and/or committed relationships: Exploring the experiences of Tinder users. The Information Society, 34(2), 59–70. https://doi.org/10.1080/01972243.2017.1414093
  17. Holtzhausen, N., Fitzgerald, K., Thakur, I., Ashley, J., Rolfe, M., & Pit, S. W. (2020). Swipe-based dating applications use and its association with mental health outcomes: A cross-sectional study. BMC Psychology, 8, 22. https://doi.org/10.1186/s40359-020-0373-1
  18. Sharabi, L. L., Von Feldt, P. A., & Ha, T. (2026). Burnt out and still single: Susceptibility to dating app burnout over time. New Media & Society, 28(1), 169–190 (online 2024). https://doi.org/10.1177/14614448241286788
  19. Vogels, E. A., & McClain, C. (2023). Key findings about online dating in the U.S. Pew Research Center. https://www.pewresearch.org/short-reads/2023/02/02/key-findings-about-online-dating-in-the-u-s/

Inhalt: Dr. Armin Kaser, Psychologe, KI-Avatar