Spontanremissionen – geht Computerspiel-Sucht von alleine wieder weg?

Besonders Eltern hoffen oft, dass die Computerspiel-Sucht ihres Sohnes von alleine wieder verschwindet. So eine Spontanremission ist dann möglich, wenn das exzessive Spielen mit einer schwierigen, begrenzten Lebensphase zusammenhÀngt, die von selbst irgendwann endet.

Studie zu Spontanremissionen bei Computerspielsucht.
Computerspiel-Sucht verschwindet in den allermeisten FĂ€llen (84 %) nicht mehr von alleine.

Um diese Frage zu beantworten, ist ein ganz bestimmter Typ von psychologischen Studien nötig: eine LÀngsschnittstudie (auch Kohortenstudie). Der Unterschied zu normalen Studien ist, dass die Befragungen zwei oder mehrmals wiederholt werden, und dabei immer dieselben Personen befragt werden. Zwischen der ersten und den folgenden Befragungen lÀsst man einige Zeit vergehen, normalerweise sind das 6 Monate.

Namensabgleiche fĂŒr bessere Ergebnisse

Weil man dann genau vergleichen kann, wie sich eine AbhĂ€ngigkeit bei den einzelnen SĂŒchtigen entwickelt hat, kann man herausfinden:

  • Wie stabil die Computerspiel-Sucht insgesamt ist: Wie viele SĂŒchtige aus der ersten Befragung sind auch 6 Monate spĂ€ter noch abhĂ€ngig (StabilitĂ€t der Computerspiel-Sucht)?
  • Bei wie vielen der Computerspiel-SĂŒchtigen ist die AbhĂ€ngigkeit nach 6 Monaten von alleine wieder verschwunden (Spontanremission)?

Zwei große Studien versuchten bisher, Antworten auf diese Fragen zu finden.

Prognose: Spontanremissionen von 14,6 % nach einem Jahr

2011 untersuchte ein asiatisches Forscherteam um Gentile et al. fast 3000 Jugendliche. Die Forscher wollten vor allem herausfinden, wie stabil eine Computerspiel-Sucht ist. Dazu befragten sie die Jugendlichen 3 mal: Anfangs, 1 Jahr spÀter und 2 Jahre spÀter.

Bei der ersten Befragung waren von den ca. 3000 Jugendlichen rund 9,9 % computerspiel-sĂŒchtig, die restlichen 90 % gesund. Bei der zweiten Untersuchung 1 Jahr spĂ€ter waren mit 8,8 % etwas weniger sĂŒchtig. 2 Jahre spĂ€ter war der Anteil der SĂŒchtigen auf 7,6 % gesunken.

Das ist aber noch nicht das Ergebnis, das man eigentlich wollte. Wenn man wissen will, wie viele der anfĂ€nglich Computerspiel-SĂŒchtigen sich von alleine erholt haben, muss man die einzelnen Namen der 9,9% SĂŒchtigen der ersten Befragung mit den 8,8 % und 7,6 % der folgenden Befragungen abgleichen. Sonst könnte es sein, dass alle SĂŒchtigen der ersten Befragung geheilt sind und die 8,8 % der zweiten Befragung ganz andere Jugendliche sind.

Genau das haben die Forscher gemacht. Beim Abgleich der Namen konnten sie sehen, dass von den 9,9 % der ersten Befragung wiederum 16,4 % von alleine gesundgeworden sind. In konkreten Zahlen: Von 3000 Jugendlichen waren anfangs 297 (9,9 %) computerspielsĂŒchtig. Von diesen 297 SĂŒchtigen waren nach einem Jahr 49 (16,4 %) nicht mehr sĂŒchtig.

Studie zu Spontanremissionen bei Computerspielsucht.
Computerspiel-Sucht verschwindet in den allermeisten FĂ€llen (84 %) nicht mehr von alleine.

Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch, dass von 297 SĂŒchtigen 83,6 % (also 248 Jugendliche) nach einem Jahr genauso sĂŒchtig ist wie zuvor. Bei den allermeisten Computerspiel-SĂŒchtigen geht das Problem also nicht von alleine wieder weg.

Bessere Aussichten in der Niederlande

NiederlĂ€ndische Forscher haben 2011 eine Ă€hnliche Studie durchgefĂŒhrt und dabei etwas ermutigendere Ergebnisse gefunden.

Sie haben 1500 SchĂŒler im Alter von 13-16 Jahren befragt. Unter ihnen zeigten 3 %, also 45 SchĂŒler, Anzeichen von Computerspiel-Sucht. Sie befragten die Jugendlichen nach einem Jahr erneut. Ein Jahr spĂ€ter erfĂŒllten von den 45 ehemals Computerspiel-SĂŒchtigen nur mehr die HĂ€lfte die Kriterien der Computerspiel-Sucht. Das entsprĂ€che einer Rate von Spontanremissionen von 50 %. Leider ist die niederlĂ€ndische Studie mit lediglich 45 Befragten zu klein um verlĂ€sslich zu sein.

Besser nicht riskieren, einfach abzuwarten.

VorlĂ€ufig sieht es so aus, dass es riskant und nicht empfehlenswert ist, bei einer Computerspiel-Sucht einfach abzuwarten. Eine Computerspiel-Sucht ist nicht nur fĂŒr den Betroffenen schlimm. Auch soziales Umfeld und die Familie leiden unter der Sucht.

Je lĂ€nger die Sucht andauert, desto grĂ¶ĂŸer sind auch die langfristigen Folgen – wenn etwa Schule oder Ausbildung abgebrochen wird, depressive Symptome sich verfestigen und der RĂŒckzug in Vereinsamung fĂŒhrt.

Fazit

In den allermeisten FÀllen (83,6 % in der asiatischen Studie) tritt ohne professionelle Hilfe keine Besserung ein. Auf eine psychologische, psychotherapeutische oder pÀdagogische Hilfe zu verzichten bedeutet, das Problem zu verschleppen und dabei die Lebenssituation des Betroffenen und seines Umfelds langfristig zu verschlechtern.

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