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Video (8 Minuten) · Inhalt: Dr. Armin Kaser, Psychologe, KI-Avatar
Sie wurden in der Schule gehänselt, ausgelacht oder ausgegrenzt – und haben gelernt, möglichst nicht aufzufallen. Heute sind Sie erwachsen, beruflich oft erfolgreich, aber wenn Sie eine Frau ansprechen, flirten oder Nähe zulassen sollen, greift noch dieselbe Vorsicht. Das ist kein Charakterfehler: Langzeitstudien zeigen, dass Mobbing in der Kindheit Beziehungen noch Jahrzehnte später messbar beeinflusst.
Auf einen Blick
- Mobbing ist häufig: In Deutschland wurden 2022 8,6 % der 11- bis 15-Jährigen in der Schule wiederholt gemobbt4.
- Es wirkt lange nach: Mit 50 lebten 75,5 % der als Kind häufig Gemobbten in Partnerschaft, gegenüber 81,4 % der nie Gemobbten1.
- Es ist behandelbar: Bild-Interventionen wie Imagery Rescripting senken soziale Angst mit mittlerem Effekt (d = −0,50)12.

Sind Sie damit allein?
- In Deutschland gaben 2022 8,6 % der 11- bis 15-Jährigen an, in der Schule wiederholt gemobbt worden zu sein, weitere 1,9 % waren Opfer und Täter zugleich4.
- Dieser Anteil ist seit 2009/10 praktisch gleich geblieben (2009/10: 8,6 %)4.
- In Österreich wurden 2021/22 in der 5. Schulstufe 12 % wiederholt gemobbt, in der 11. Schulstufe 3 %5.
- Bei Burschen war Mobbing früher deutlich häufiger: 2010 waren 21 % Opfer, 2022 noch 8 %5.
- Europaweit wurden laut WHO/HBSC rund 11 % der Jugendlichen in der Schule gemobbt, 15 % online6.
Auf eine Schulklasse gerechnet heißt das: Fast immer ist mindestens ein Kind betroffen. Sie waren also kein Einzelfall. Viele Absolute Beginner erkennen sich in dieser Geschichte wieder.

Wirkt das wirklich bis heute nach?
Die aussagekräftigsten Daten stammen aus Kohorten, in denen Mobbing schon in der Kindheit erfasst wurde – nicht erst rückblickend.
Britische Geburtskohorte 1958 (n = 7.771, bis Alter 50)1
- Mit 50 lebten 81,4 % der nie Gemobbten mit Partner(in) zusammen, aber nur 75,5 % der häufig Gemobbten1.
- Häufig Gemobbte hatten seltener viel Unterstützung, wenn sie krank waren (74,6 % gegenüber 80,5 %)1.
- Das Risiko für Depression war fast verdoppelt (Odds Ratio 1,95)1.
- Diese Zusammenhänge blieben bestehen, nachdem IQ, soziale Schicht der Eltern und frühe Verhaltensprobleme berücksichtigt waren1.
Great Smoky Mountains Study, USA (n = 1.420, bis ca. 25 Jahre)2,3
- Gemobbte hatten viermal so oft Probleme, Freundschaften zu schließen oder zu halten (8,4 % gegenüber 2,0 %)2.
- Bei Heirat und Kindern gab es in diesem jungen Alter keine signifikanten Unterschiede2.
- Das Risiko für Agoraphobie (OR 4,6), generalisierte Angst (OR 2,7) und Panikstörung (OR 3,1) war auch nach Kontrolle familiärer Belastungen erhöht3.
Einsamkeit: In einer britischen Zwillingsstudie sagte Mobbing in der Kindheit Einsamkeit mit 18 vorher, auch wenn das Mobbing längst vorbei war7. Ein Teil dieses Zusammenhangs ließ sich allerdings durch gemeinsame genetische Anlagen erklären7.

Warum es gerade beim Ansprechen und Flirten hakt
Mobbing wirkt nicht direkt auf die Partnersuche, sondern über Zwischenschritte:
- Soziale Angst: In einer Metaanalyse mit 133 Studien hängen Mobbing und soziale Angst mittelstark zusammen (r = 0,27)8. Die Richtung ist nicht eindeutig: In 19 Längsschnittstudien wurden ängstliche Kinder später häufiger zum Ziel; umgekehrt sagte Mobbing spätere soziale Angst dort nicht sicher vorher8.
- Ablehnungsempfindlichkeit: Jugendliche, die stark mit Zurückweisung rechnen, hatten mit 22 seltener eine Partnerin oder einen Partner (USA, n = 180)9.
- Alte Bilder im Kopf: Menschen mit sozialer Angst tragen oft ein negatives Bild von sich selbst, das auf frühe Demütigungen zurückgeht – und das sich durch spätere, bessere Erfahrungen nicht von selbst aktualisiert10. Therapeuten nennen „in der Schule gemobbt werden“ ausdrücklich als Beispiel für ein solches sozial belastendes Erlebnis15.
- Das Bild springt an, wenn es darauf ankommt: Solche Bilder werden gerade in sozialen Situationen immer wieder aktiviert10 – also genau dann, wenn Sie einer Frau gegenüberstehen, die Ihnen gefällt.
Sie kennen das: Sie gehen nicht zum Tanzkurs, sprechen die Kollegin nicht an, bleiben beim Fest am Rand. Kurzfristig schützt das. Langfristig verhindert es genau die Erfahrungen, die zeigen würden, dass Sie heute als erwachsener Mann anders ankommen als damals als Schüler.

Was speziell Männer betrifft
- Buben und Mädchen werden etwa gleich oft gemobbt (Österreich: 8 % bzw. 7 %)5. Buben werden meist von anderen Buben gemobbt – in Österreich in 65 % der Fälle5.
- In einer dänischen Kohorte von 6.094 Männern hatten in der Schule Gemobbte bis zur Lebensmitte ein erhöhtes Depressionsrisiko; je länger und intensiver das Mobbing, desto höher14.
- Männer sprechen seltener darüber. Die Folgen zeigen sich dann eher als „Ich bin halt schüchtern“ oder „Ich habe keine Zeit für Beziehungen“.
Was nachweislich hilft
Die Folgen sind real, aber nicht festgeschrieben:
- Imagery Rescripting: Die belastende Erinnerung wird in der Vorstellung noch einmal durchlebt – diesmal mit dem erwachsenen Ich, das eingreift. Bei sozialer Phobie verringerten sich schon nach einer Sitzung negative Überzeugungen, Belastung durch die Erinnerung und Angst in sozialen Situationen11.
- Eine Metaanalyse fand für solche Bild-Interventionen einen mittleren Effekt auf soziale Angst (d = −0,50)12. In einer Vergleichsstudie wirkte Imagery Rescripting ähnlich stark wie kognitive Umstrukturierung13.
- Kognitive Verhaltenstherapie und Schematherapie nutzen diese Technik; entscheidend ist danach das Üben im echten Leben.
Was Sie konkret tun können
- Muster erkennen: Wann weichen Sie aus? Welche alte Szene steht dahinter?
- Neue Erfahrungen suchen: Orte mit wiederholtem Kontakt von Angesicht zu Angesicht – Tanzkurs, Chor, Verein, Sprachkurs, Ehrenamt. Beim fünften Treffen ist man kein Fremder mehr.
- Klein anfangen: Zuerst Gespräche ohne Flirtabsicht, dann schrittweise mehr – etwa eine Frau aus der Gruppe um einen Kaffee bitten.
- Die Erinnerung bearbeiten: Wenn alte Bilder immer wieder hochkommen, gezielt mit einem Psychologen oder Psychotherapeuten daran arbeiten.
- Die passende Hilfe wählen: Ob ein Flirtkurs, ein Dating-Coach oder ein Psychologe besser zu Ihnen passt, lesen Sie auf der Seite „Flirtkurs, Dating-Coach oder Psychologe?“.
- Nicht allein bleiben: Ein Freund oder eine Beratung, mit dem Sie Erfahrungen auswerten, ersetzt die fehlende Rückmeldung von damals.
Häufige Fragen
Kann Mobbing in der Schule später Beziehungen verhindern?
Es erhöht das Risiko, aber es bestimmt nicht das Ergebnis. Auch bei häufig Gemobbten lebten mit 50 drei von vier mit Partner(in) zusammen1.
Warum habe ich heute noch Angst, obwohl es Jahrzehnte her ist?
Frühe Demütigungen prägen ein Selbstbild, das sich ohne neue Erfahrungen kaum verändert10. Wer vermeidet, bekommt keine Gegenbeweise.
Brauche ich eine Therapie?
Nicht unbedingt. Bei starker sozialer Angst oder wiederkehrenden Erinnerungen ist psychotherapeutische Hilfe aber gut belegt11,12.
Warum bin ich ausgerechnet bei Frauen so gehemmt, im Beruf aber nicht?
Das alte Selbstbild wird vor allem in sozialen Situationen aktiviert, in denen Sie bewertet werden könnten10. Beim Kennenlernen einer Frau steht für Sie persönlich viel auf dem Spiel – entsprechend stark meldet sich das alte Bild.
Bin ich selbst schuld, dass ich gemobbt wurde?
Nein. Ängstliche oder zurückhaltende Kinder werden häufiger zum Ziel8 – verantwortlich sind die, die mobben.
Die Videos zu diesem Thema
Mobbing wirkt über die Angst
Kretschmer und Kollegen haben zwei niederländische Gruppen mit zusammen rund 2.700 Jugendlichen bis ins junge Erwachsenenalter begleitet. Ehemalige Mobbing-Opfer taten sich bei Ausbildung, Arbeit und Finanzen schwerer. Ein großer Teil dieser Unterschiede ließ sich aber über die psychische Belastung erklären, also über Ängste und Niedergeschlagenheit. Das Mobbing lässt sich nicht ungeschehen machen, die Angst aber behandeln.
Quelle: Kretschmer, T., Veenstra, R., Branje, S., Reijneveld, S. A., Meeus, W. H. J., Deković, M., Koot, H. M., Vollebergh, W. A. M. & Oldehinkel, A. J. (2018). How Competent are Adolescent Bullying Perpetrators and Victims in Mastering Normative Developmental Tasks in Early Adulthood? Journal of Abnormal Child Psychology, 46(1), 41–56. doi:10.1007/s10802-017-0316-3
Weitere Videos zu diesem Thema sind in Vorbereitung.
Wie es weitergeht
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Quellen
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- Wolke, D., Copeland, W. E., Angold, A., & Costello, E. J. (2013). Impact of bullying in childhood on adult health, wealth, crime, and social outcomes. Psychological Science, 24(10), 1958–1970. https://doi.org/10.1177/0956797613481608
- Copeland, W. E., Wolke, D., Angold, A., & Costello, E. J. (2013). Adult psychiatric outcomes of bullying and being bullied by peers in childhood and adolescence. JAMA Psychiatry, 70(4), 419–426. https://doi.org/10.1001/jamapsychiatry.2013.504
- Fischer, S. M., & Bilz, L. (2024). Mobbing und Cybermobbing an Schulen in Deutschland: Ergebnisse der HBSC-Studie 2022 und Trends von 2009/10 bis 2022. Journal of Health Monitoring, 9(1). Robert Koch-Institut. https://doi.org/10.25646/11871
- Felder-Puig, R., & Teufl, L. (2025). Psychische und physische Gewalt unter Jugendlichen in Österreich (HBSC Factsheet 12 aus Erhebung 2021/22). BMASGPK/Gesundheit Österreich GmbH. https://www.pekg.at/wp-content/uploads/2026/07/HBSC-FS12-Gewalt-2.pdf
- WHO Regional Office for Europe (2024, 27. März). One in six school-aged children experiences cyberbullying, finds new WHO/Europe study [Pressemitteilung zu HBSC 2021/22, Band 2]. https://www.who.int/europe/news/item/27-03-2024-one-in-six-school-aged-children-experiences-cyberbullying–finds-new-who-europe-study
- Matthews, T., Caspi, A., Danese, A., Fisher, H. L., Moffitt, T. E., & Arseneault, L. (2022). A longitudinal twin study of victimization and loneliness from childhood to young adulthood. Development and Psychopathology, 34(1), 367–377. https://doi.org/10.1017/S0954579420001005
- Deng, J., Liu, J., Luo, J., Pi, Y., Pan, J., Fu, Z., & Tang, X. (2024). Social anxiety and bullying victimization: A three-level meta-analysis of cross-sectional and longitudinal studies. Child Abuse & Neglect, 157, 107052. https://doi.org/10.1016/j.chiabu.2024.107052
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- Hackmann, A., Clark, D. M., & McManus, F. (2000). Recurrent images and early memories in social phobia. Behaviour Research and Therapy, 38(6), 601–610. https://doi.org/10.1016/S0005-7967(99)00161-8
- Wild, J., Hackmann, A., & Clark, D. M. (2008). Rescripting early memories linked to negative images in social phobia: A pilot study. Behavior Therapy, 39(1), 47–56. https://doi.org/10.1016/j.beth.2007.04.003
- Thunnissen, M. R., de Jong, P. J., Rijkeboer, M. M., Voncken, M. J., & Nauta, M. H. (2024). Interventions targeting negative mental imagery in social anxiety: A systematic review and meta-analysis of characteristics and outcomes. Clinical Psychology & Psychotherapy, 31(3), e2996. https://doi.org/10.1002/cpp.2996
- Norton, A. R., & Abbott, M. J. (2016). The efficacy of imagery rescripting compared to cognitive restructuring for social anxiety disorder. Journal of Anxiety Disorders, 40, 18–28. https://doi.org/10.1016/j.janxdis.2016.03.009
- Lund, R., Nielsen, K. K., Hansen, D. H., Kriegbaum, M., Molbo, D., Due, P., & Christensen, U. (2009). Exposure to bullying at school and depression in adulthood: A study of Danish men born in 1953. European Journal of Public Health, 19(1), 111–116. https://doi.org/10.1093/eurpub/ckn101
- Wild, J., & Clark, D. M. (2011). Imagery rescripting of early traumatic memories in social phobia. Cognitive and Behavioral Practice, 18(4), 433–443. https://doi.org/10.1016/j.cbpra.2011.03.002
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