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Video (8 Minuten) · Inhalt: Dr. Armin Kaser, Psychologe, KI-Avatar
Sie kennen das: Abends allein in der Wohnung, das Gefühl, „mit mir stimmt etwas nicht“, dazu Antriebslosigkeit und Grübeln. Viele Absolute Beginner fragen sich dann, ob sie depressiv sind. Manchmal ja – oft aber ist es eine nachvollziehbare Reaktion auf Einsamkeit, wiederholte Ablehnung und fehlende Nähe, und die lässt sich anders angehen als eine Krankheit.
Auf einen Blick
- Wer bis 29 nie eine Beziehung hatte, wurde vor allem einsamer (Abstand rund 53 % einer Standardabweichung), kaum depressiver (rund 10 %, nicht signifikant) – Daten von 17.390 jungen Erwachsenen aus Deutschland und Großbritannien1.
- Beginnt eine Beziehung, steigt der Selbstwert und bleibt erhöht, wenn sie mindestens ein Jahr hält (deutsche Längsschnittstudie, N = 9.069)7.
- Scham hängt deutlich mit depressiven Beschwerden zusammen (r = 0,43; 108 Studien, 22.411 Teilnehmende) – stärker als Schuldgefühle13.

Macht es depressiv, wenn man keine Partnerin findet?
- Eine Studie mit 17.390 jungen Erwachsenen aus Deutschland und Großbritannien, die zu Beginn noch nie eine Beziehung hatten, verfolgte sie jährlich von 16 bis 29 Jahren1.
- Wer dauerhaft Single blieb, wurde vor allem einsamer und unzufriedener. Mit 29 lag der Abstand bei der Einsamkeit bei rund 53 % einer Standardabweichung, bei der Lebenszufriedenheit bei 36 %, bei der Depressivität nur bei 10 % – und dieser Unterschied war nicht mehr signifikant1.
- Die erste Beziehung verbesserte Lebenszufriedenheit und Einsamkeit dauerhaft, nicht aber die Depressivität1. Das spricht dafür: Was Ihnen fehlt, ist vor allem Verbindung, nicht zwingend eine Behandlung.
- Männer, Höhergebildete und Menschen mit geringerem Wohlbefinden blieben länger Single1. Geringes Wohlbefinden ist also Folge und Hindernis zugleich.
Unfreiwillig Single: Was genau weh tut
- In einer polnischen Studie mit 151 Singles (20–26 Jahre, davon 65 Männer) hatten die unfreiwilligen Singles deutlich mehr romantische Einsamkeit als die freiwilligen (24,3 gegenüber 19,0 Punkten)15.
- Ihre psychische Gesundheit war insgesamt nicht schlechter. Bei einzelnen Beschwerden – Angst und Schlafprobleme, schwere Depressivität – lagen sie leicht höher; die Zusammenhänge waren schwach15.
- Für Sie heißt das: Der Schmerz ist real und hat einen klaren Grund – den unerfüllten Wunsch nach einer Partnerin. Er ist kein Beweis, dass mit Ihnen grundsätzlich etwas nicht stimmt.
Warum Einsamkeit auf die Stimmung schlägt
- In einer Fünfjahresstudie mit 229 Erwachsenen (50–68 Jahre, USA) sagte Einsamkeit spätere depressive Symptome voraus, aber nicht umgekehrt – auch nach Kontrolle von Stress, sozialer Unterstützung und Neurotizismus2.
- Die Art des Auslösers prägt das Beschwerdebild: Nach sozialen Verlusten stehen Traurigkeit, Weinen und der Wunsch nach Unterstützung im Vordergrund, nach Scheitern eher Schuldgefühle, Grübeln, Erschöpfung und Pessimismus (n = 445 bzw. 113)3.
- Dauerndes Ausbleiben von Erfolg kann zu Hoffnungslosigkeit führen – nach der Hoffnungslosigkeitstheorie ein eigener Weg in depressive Beschwerden, vor allem wenn man Misserfolge stabilen, globalen Ursachen zuschreibt („Ich bin eben so“)3,4.
| Auslöser | Besonders ausgeprägte Beschwerden |
|---|---|
| Sozialer Verlust (z. B. Trennung, Verlust, Zurückweisung) | Wunsch nach Unterstützung, Weinen, seelischer Schmerz, Traurigkeit |
| Scheitern an einem wichtigen Ziel | Schuldgefühle, Grübeln, Pessimismus, Erschöpfung, Angst, Schläfrigkeit, Freudlosigkeit |
Abb. 2: Depressive Beschwerden sind kein einheitliches Paket. Nach sozialen Verlusten stehen Traurigkeit und das Bedürfnis nach Nähe im Vordergrund, nach Scheitern eher Grübeln, Schuld und Erschöpfung. Als Absoluter Beginner kennen Sie womöglich beides: fehlende Nähe und wiederholte Absagen. Datenbasis: USA, 445 Befragte (Studie 2) und 113 Studierende im Experiment (Studie 3).
Quelle: Keller & Nesse 2006, Journal of Personality and Social Psychology (Studie 2, Abb. 2 – Strukturgleichungsmodell; Abstract)
Scham: Warum Sie mit niemandem darüber reden
Viele Absolute Beginner verschweigen ihre Situation selbst vor guten Freunden. Das hat einen Preis.
- Eine Metaanalyse über 108 Studien fand: Scham hängt stärker mit depressiven Beschwerden zusammen (r = 0,43) als Schuldgefühle (r = 0,28)13.
- Am stärksten war der Zusammenhang bei „äußerer“ Scham – dem Gefühl, in den Augen anderer minderwertig zu sein (r = 0,56). Geschlecht und Alter änderten daran nichts13.
- Die Sorge ist nicht aus der Luft gegriffen: In drei US-Studien fühlten sich sexuell unerfahrene Erwachsene stigmatisiert und wurden als Partner seltener gewünscht14.
Wie Ablehnung und Selbstwert zusammenhängen
- Wer Ablehnung besonders stark erwartet und fürchtet, hat häufiger Depression (r = 0,33), Ängste (r = 0,41) und Einsamkeit (r = 0,39); das zeigt eine Metaanalyse über 75 Studien5.
- Selbstwert und Beziehungen beeinflussen sich gegenseitig – gleich stark in beide Richtungen (Metaanalyse über 48 bzw. 35 Stichproben)6.
- Auch in Deutschland sind psychische Störungen bei Menschen ohne Partner häufiger: 37 % gegenüber 26 % in 12 Monaten8.

Steigt mein Selbstwert mit der ersten Beziehung?
Eine deutsche Studie begleitete 9.069 junge Menschen aus drei repräsentativen Jahrgangsgruppen über drei Jahre mit vier Befragungen7:
- Beginnt eine Beziehung, steigt der Selbstwert – und bleibt höher, wenn die Beziehung mindestens ein Jahr hält7.
- Eine Trennung senkt den Selbstwert, doch nach einem Jahr war der Effekt verschwunden – auch bei denen, die Single blieben7.
- Umgekehrt sagte ein hoher Selbstwert voraus, dass eine Beziehung beginnt7.
- Die Ergebnisse galten für Männer und Frauen gleichermaßen und in allen Altersgruppen7.
Am Selbstwert zu arbeiten lohnt sich also schon vor der ersten Partnerin.
Soziale Phobie: kurz eingeordnet
Oft steckt hinter dem Problem weniger ein Selbstwert- als ein Angstproblem: Angst, sich zu blamieren, und deshalb Vermeidung. Schränkt sie Alltag und Kontakte deutlich ein, spricht man von sozialer Phobie – mehr dazu auf der Seite „Soziale Ängste und Schüchternheit“.
Traurigkeit oder Depression? Eine Checkliste
Niedergeschlagenheit nach Enttäuschungen ist normal und geht meist vorüber, wenn sich die Lage ändert9. Depressionen sind aber auch häufig: 16 bis 20 von 100 Menschen erkranken einmal im Leben daran9; in Deutschland sind es pro Jahr 4,8 % der Männer8.
Eher normale Traurigkeit, wenn:
- es einen klaren Anlass gibt (Absage, einsames Wochenende) und die Stimmung sich wieder hebt9,
- Arbeit, Schlaf und Kontakte im Wesentlichen funktionieren10.
Warnzeichen – ärztlich oder psychotherapeutisch abklären lassen, wenn:
- gedrückte Stimmung, Freudlosigkeit oder Antriebsmangel zwei Wochen oder länger anhalten, zusammen mit weiteren Beschwerden wie Schlafstörungen, Appetitverlust, Konzentrationsproblemen oder Schuldgefühlen9,
- Sie Arbeit oder Alltag deutlich nicht mehr bewältigen10,
- Sie sich anhaltend wertlos fühlen10,
- Sie spürbar verlangsamt sind10,
- Sie sich zurückziehen und mehr Alkohol, Medikamente oder Drogen konsumieren9,
- die Niedergeschlagenheit länger als sechs Monate dauert10.
Traurige Episoden ohne solche Warnzeichen kehrten in US-Daten nicht häufiger wieder als bei Menschen, die nie depressiv waren (6,9 % vs. 6,1 % in drei Jahren)10. Eine echte Depression kommt dagegen bei etwa der Hälfte der Betroffenen wieder9 – ein Grund, sie behandeln zu lassen.
- Erste Anlaufstelle ist meist die Hausärztin oder der Hausarzt9.
- Bei Suizidgedanken sofort Hilfe holen: TelefonSeelsorge Österreich 142, Deutschland 0800 111 0 111 (rund um die Uhr, kostenlos, anonym)11,12; bei akuter Gefahr Notruf 1129.
Was Sie konkret tun können
- Benennen Sie die Ursache genau: Einsamkeit, Ablehnung, Scham oder Hoffnungslosigkeit? Das entscheidet, was hilft.
- Kontakte vor Selbstoptimierung: Suchen Sie Orte, an denen Sie dieselben Menschen regelmäßig und persönlich sehen – Verein, Tanzkurs, Chor, Wandergruppe, Bekanntenkreis.
- Ablehnung nicht verallgemeinern: Schreiben Sie nach einer Absage auf, was konkret passiert ist – und was Sie daraus schließen. „Sie hatte kein Interesse“ ist etwas anderes als „Ich bin nicht liebenswert“.
- Einem Menschen davon erzählen: Ein Freund, ein Bruder oder ein Berater – das Schweigen nährt die Scham.
- Grübeln begrenzen: Feste Zeit zum Nachdenken, danach Bewegung oder Kontakt.
- Warnzeichen ernst nehmen: Wenn Schlaf, Arbeit oder Lebenswille leiden, holen Sie sich fachliche Hilfe – das ist kein Versagen.
Häufige Fragen
Bin ich depressiv, weil ich keine Freundin habe?
Nicht unbedingt. Längsschnittdaten zeigen bei dauerhaften Singles vor allem mehr Einsamkeit und weniger Lebenszufriedenheit, kaum mehr Depressivität1. Halten Beschwerden aber zwei Wochen oder länger an, lassen Sie es abklären.
Steigt mein Selbstwert, wenn ich eine Beziehung habe?
Im Durchschnitt ja: In deutschen Daten stieg der Selbstwert mit Beziehungsbeginn und blieb bei stabilen Beziehungen erhöht7. Umgekehrt erleichtert ein stabiler Selbstwert den Beziehungsbeginn6,7.
Warum schäme ich mich so, noch nie eine Beziehung gehabt zu haben?
Weil Sie befürchten, andere könnten Sie abwerten – diese „äußere“ Scham hängt besonders eng mit Niedergeschlagenheit zusammen13. Ein Gespräch mit einer Vertrauensperson oder in einer Beratung ist ein guter erster Schritt.
Warum trifft mich jede Absage so hart?
Wiederholte Ablehnung verstärkt die Erwartung weiterer Ablehnung; diese Empfindlichkeit hängt mit Depression, Angst und Einsamkeit zusammen5. Man kann daran gezielt arbeiten.
Wann sollte ich zum Arzt oder Psychotherapeuten?
Bei Freudlosigkeit, Schlafproblemen oder Antriebslosigkeit über zwei Wochen, deutlicher Beeinträchtigung im Alltag und immer bei Suizidgedanken9,10.
Die Videos zu diesem Thema
Studie: Langes Singlesein
Wie es weitergeht
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Quellen
- Krämer, M. D., Stern, J., Buchinger, L., MacDonald, G., & Bleidorn, W. (2026). Life satisfaction, loneliness, and depressivity in consistently single young adults in Germany and the United Kingdom. Journal of Personality and Social Psychology, 131(4), 642–669. https://doi.org/10.1037/pspp0000595 (Preprint: https://osf.io/n4k7a)
- Cacioppo, J. T., Hawkley, L. C., & Thisted, R. A. (2010). Perceived social isolation makes me sad: 5-year cross-lagged analyses of loneliness and depressive symptomatology in the Chicago Health, Aging, and Social Relations Study. Psychology and Aging, 25(2), 453–463. https://doi.org/10.1037/a0017216
- Keller, M. C., & Nesse, R. M. (2006). The evolutionary significance of depressive symptoms: Different adverse situations lead to different depressive symptom patterns. Journal of Personality and Social Psychology, 91(2), 316–330. https://doi.org/10.1037/0022-3514.91.2.316
- Abramson, L. Y., Metalsky, G. I., & Alloy, L. B. (1989). Hopelessness depression: A theory-based subtype of depression. Psychological Review, 96(2), 358–372. https://doi.org/10.1037/0033-295X.96.2.358
- Gao, S., Assink, M., Cipriani, A., & Lin, K. (2017). Associations between rejection sensitivity and mental health outcomes: A meta-analytic review. Clinical Psychology Review, 57, 59–74. https://doi.org/10.1016/j.cpr.2017.08.007
- Harris, M. A., & Orth, U. (2020). The link between self-esteem and social relationships: A meta-analysis of longitudinal studies. Journal of Personality and Social Psychology, 119(6), 1459–1477. https://doi.org/10.1037/pspp0000265
- Luciano, E. C., & Orth, U. (2017). Transitions in romantic relationships and development of self-esteem. Journal of Personality and Social Psychology, 112(2), 307–328. https://doi.org/10.1037/pspp0000109
- Jacobi, F., Höfler, M., Siegert, J., et al. (2014). Twelve-month prevalence, comorbidity and correlates of mental disorders in Germany: The Mental Health Module of the German Health Interview and Examination Survey for Adults (DEGS1-MH). International Journal of Methods in Psychiatric Research, 23(3), 304–319. https://doi.org/10.1002/mpr.1439
- IQWiG – gesundheitsinformation.de (2023). Depression. https://www.gesundheitsinformation.de/depression.html (aktualisiert 13.12.2023, abgerufen 30.09.2026)
- Wakefield, J. C., & Schmitz, M. F. (2014). Uncomplicated depression is normal sadness, not depressive disorder: Further evidence from the NESARC. World Psychiatry, 13(3), 317–319. https://doi.org/10.1002/wps.20155
- TelefonSeelsorge Österreich. Notruf 142. https://www.telefonseelsorge.at/ (abgerufen 30.09.2026)
- TelefonSeelsorge Deutschland. Telefon. https://www.telefonseelsorge.de/telefon (abgerufen 30.09.2026)
- Kim, S., Thibodeau, R., & Jorgensen, R. S. (2011). Shame, guilt, and depressive symptoms: A meta-analytic review. Psychological Bulletin, 137(1), 68–96. https://doi.org/10.1037/a0021466
- Gesselman, A. N., Webster, G. D., & Garcia, J. R. (2017). Has virginity lost its virtue? Relationship stigma associated with being a sexually inexperienced adult. The Journal of Sex Research, 54(2), 202–213. https://doi.org/10.1080/00224499.2016.1144042
- Adamczyk, K. (2017). Voluntary and involuntary singlehood and young adults‘ mental health: An investigation of mediating role of romantic loneliness. Current Psychology, 36(4), 888–904. https://doi.org/10.1007/s12144-016-9478-3
Inhalt: Dr. Armin Kaser, Psychologe, KI-Avatar