Selbstständig machen als Psychologe: Steuern, SVS, Marketing – So gehts!

Sie haben die klinische Ausbildung zum Psychologen mit Praktika absolviert, die Theoriestunden abgesessen und die Abschlussprüfung gemeistert? Dann können Sie sich endlich selbstständig machen. Wie das mit Steuern, Sozialversicherung und Bundesministerium funktioniert lesen Sie hier.

Geld Investieren Kosten Münzen
Eine eigene Psychologie-Praxis gründen ist nicht schwer.

Eintragung in die Liste des Bundesministeriums

Das Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz führt eine Liste aller praktizierenden Klinischen Psychologen in Österreich. Sie dürfen nur dann als klinischer Psychologe arbeiten, wenn Sie dort gelistet sind. Es gibt keinen guten Grund, die Eintragung auf später zu verschieben, das sollten Sie möglichst bald nach der Abschlussprüfung machen.

Den passenden Antrag finden Sie auf der Website des Sozialministeriums. Tolle Ausbildungsinstitute helfen Ihnen beim Ausfüllen, außerdem müssen sie das auch unterzeichnen. Im Antrag steht auch, welche Unterlagen (Rasterzeugnisse, Supervisionsbestätigungen, Strafregisterbescheinigung, ärztliches Zeugnis etc.) beizulegen sind.

Berufshaftpflichtversicherung abschließen

Jeder Klinische Psychologe muss eine Berufshaftpflichtversicherung abschließen. Das günstigste Angebot, das ich kenne, ist jenes des AAP in Zusammenarbeit mit der Generali für 68,50 €.

Alles zusammen per Post an das Bundesministerium schicken und warten bis die schriftliche Bestätigung kommt. Mit etwas Glück klappt das innerhalb von 4 Wochen.

Dem Finanzamt Bescheid geben

Ein formloses Schreiben bis spätestens einem Monat nach Aufnahme der Tätigkeit reicht dem Finanzamt. Für alle peniblen Kollegen gibt es eine Vorlage auf der Website des Finanzamts zur “Anzeige der unternehmerischen Tätigkeit”.

Danach schickt das Finanzamt einen Fragebogen – den wiederum ausgefüllt retournieren. Das Ganze funktioniert auch in Finanzonline unter “Anträge -> Erklärungswechsel”. Bei Unklarheiten hilft die Hotline – 050 233 790, stets kompetent und sehr geduldig.

Der Sozialversicherung SVS (nicht unbedingt) Bescheid geben

Für Selbstständige ist in Österreich die SVS – Sozialversicherung für Selbstständige (früher SVA) zuständig.

Ihr muss die neue Selbstständigkeit nur gemeldet werden, wenn die Einkünfte (im Jahr) voraussichtlich über 5.527,92 € liegen. Wenn ja, dann ebenfalls innerhalb eines Monats Bescheid geben. Wenn Sie sich unsicher sind wegen der Grenze im Zweifelsfall eher melden, sonst sind Verspätungszuschläge möglich. Wenn Sie nicht schon anderweitig versichert sind (z. B. wegen eines Angestelltenverhältnisses) müssen Sie sich jedenfalls melden. Die Grenze ändert sich jedes Jahr, den aktuellen Wert und den Link für die Online-Meldung finden Sie hier.

Steuern für Psychologen verstehen

Als Psychologe sind Sie ein “Neuer Selbstständiger“. Wichtig sind für Sie Einkommenssteuer und Umsatzsteuer.

Einkommenssteuer

Die Einkommenssteuer besteuert Ihre psychologischen Dienstleistungen (Diagnostik, Beratung etc.). Sie ist in Österreich progressiv, d. h. je mehr Gewinn Sie machen (Gewinn = Einnahmen – Ausgaben), desto mehr Steuern fallen an.

Umsatzsteuer

Hier gleich die gute Nachricht: Die Kleinunternehmerregelung bedeutet, dass Sie erst ab einem jährlichen Umsatz ab 35.000 € umsatzsteuerpflichtig sind. Das betrifft wohl die allermeisten. Darüber hinaus wären bestimmte Leistungen von der Umsatzsteuer befreit, aber das führt erstmal zu weit.

Geld zurücklegen

Wie viel am Ende des Jahres an Einkommenssteuer und Kosten der Sozialversicherung auf Sie zukommen, hängt von vielen Variablen ab. Sicher sind Sie, wenn Sie 40-50 % der Einnahmen dafür zurücklegen.

In der Regel zählt übrigens nicht das Rechnungsdatum, sondern das Datum des Zahlungseingangs. Das macht es leichter, wenn man einmal auf einer Rechnung sitzen bleiben sollte.

Die Betriebsausgaben steuerlich absetzen

Generell können alle Ausgaben, die mit der selbstständigen Tätigkeit in Zusammenhang stehen und benötigt werden, steuerlich abgesetzt werden. Miete, Betriebskosten für die Praxis, Telefonkosten, Sozialversicherungsbeträge, Seminarkosten, Webspace, Anfahrten, Materialien wie psychologische Tests. Alle Rechnungen sieben Jahre aufbewahren.

Bevor das Betriebsausgaben-Hamstern beginnt: Es gibt seit 2020 die neue Pauschalierungsregelung mit der ohne weitere Nachweise 20 % der Einnahmen pauschal als Betriebsausgaben abgesetzt werden, solange der Umsatz unter 35.000 € geblieben ist. Die Sozialversicherungsbeträge können auch dann noch zusätzlich abgesetzt werden. Das ist die einfache und relaxte Variante.

Offline und Online Marketing

Wie bekomme ich Patienten und Klienten in meine Praxis? Was brauche ich und wie viel kostet das?

Ich weiß es ist eine coole und spannende Sache. Es macht viel Freude: sich ein Logo zu suchen, es zu verändern, ganz individuell zu gestalten, zu verwerfen, wieder neu anzufangen. Aber: Sie brauchen kein Logo. Sie brauchen nicht mal einen Slogan. Und auch kein Zitat.

Ein Logo brauchen Unternehmen, die kein Gesicht haben. Es gibt keinen Mr. Coca Cola. Es gibt keine Frau Nike. Deshalb haben diese Unternehmen ein Logo, das in Grundzügen die Wiedererkennung sicherstellt. Zweitens können Sie es auf ihre Produkte drucken. Psychologen haben keine Produkte zum draufdrucken. Nicht einmal Autowerbung ist erlaubt.

Bei der Wahl zwischen anonymen Unternehmensnamen und einer konkreten Person wählen Konsumenten ganz überwiegend die Person.

Wer das nicht glaubt schaue bitte in eine viel umkämpfteren Markt, wo man den Unterschied besser sieht: Den der Musiker. Als der Markt noch nicht so umkämpft war, hatten Bands als Interpreten noch eine gute Chance, die Beatles, Take That, die Kelly Family. Heute gibt es praktisch immer eine Person, die sich nach vorne stellt – selbst wenn da im Hintergrund eine ganze Band steht. Herbert Grönemeyer ist eigentlich eine feste Band. John Mayer ist eine feste Band. Michael Buble. Maite Kelly.

Wer seinem Unternehmen den eigenen Namen verleiht, schafft Vertrauen. Deshalb sollte Ihr Psychologie-Unternehmen Ihren Namen tragen. Also: Ihr Logo ist einfach Ihr Name.

Was Sie brauchen: Eine Spezialisierung

Anstelle eines Logos brauchen Sie einen Schwerpunkt in Ihrer Arbeit, den Sie auch nach außen kommunizieren. Es ist nicht unbedingt Ihre Stärke. Vielleicht auch gar nicht etwas, worin Sie am meisten Erfahrung haben.

Es ist eine Mischung aus dem, was Sie langfristig machen wollen, UND zu dem es auch etwas Nachfrage gibt.

Es gibt die offizielle Möglichkeit, sich maximal 4 Spezialisierungen in die Berufsliste des Bundesministeriums eintragen zu lassen. Dafür muss man die Kenntnisse in Theorie und Praxis nachweisen. Möglich sind für Klinische Psychologen:

  • Gerontopsychologie
  • Kinder-, Jugend- und Familienpsychologie
  • Klinische Neuropsychologie
  • Notfallpsychologie
  • Schmerzpsychologie

Spezielle Internet-Dienste wie Google Ads Keyword Planner, Ahref, Sistirx oder SEMRush kann man dazu nutzen, um abzuschätzen, wie groß die Nische ist. Leider ist keins davon gratis und auch die Auswertung ist recht knifflig. Für alle, die keinen Zugang dazu haben, habe ich die Nischen herausgesucht.

Die Daten stammen aus einem professionellen Tool für Webanalyse und basieren auf den häufigsten Suchbegriffen in Zusammenhang mit Psychologie. In der Spalte zwei steht die relative Häufigkeit zum meistgesuchten Thema (Depression). Also je weiter oben, desto größer die Nische.

NischeGröße
Depression1
Angst – Panikattacken0,98
Beziehung, Partnerschaft, Ehe0,80
Burnout0,72
Psychosomatische Beschwerden0,51
Trauma, Posttraumatische Belastungsstörung0,45
Probleme von Kinder und Jugendlichen0,35
Krisenintervention0,33
Essstörungen0,30
Trauerarbeit0,27
Selbsterfahrung0,26
Drogensucht0,23
Stressbewältigung0,22
Zwang0,20
Borderline0,17
Probleme von älteren Menschen0,15
Erziehungs- und Elternberatung0,15
Schlafstörungen0,14
Sozialphobie0,13
Männerspezifische Themen0,12
Bipolar/Manisch-depressive Störung0,12
Sexueller Missbrauch0,11
ADHS 0,10
Alkoholprobleme0,08
Gewalterfahrungen0,08
Missbrauch0,07
Homosexualität0,06
Schmerzbegleitung0,06
Hochsensibilität0,04
Adipositas 0,04
Umgang mit Aggressionen0,03
Demenz0,03
Tinnitus0,03
Nikotinsucht0,03
Autismus0,03
Verhaltenssüchte (Onlinesucht, Kaufsucht, Spielsucht)0,02
Forensik0,02

Was Sie bedenken müssen: Ihre Nische muss an Ihrem Wohnort groß genug sein. Wer in Wien wohnt, kommt auch mit einer kleinen Nische ganz gut klar. Wer in Hintertux seine Praxis eröffnen will, muss ich ganz oben was suchen. Sie haben eine? Gut.

Jetzt: Ihre persönliche Note

Sich eine Nische, eine Spezialisierung suchen nennt man im Marketing sich “positionieren”. Sie suchen sich im Markt einen Platz. Was noch fehlt: Die persönliche Note. Wie können Sie einem Klienten/Patienten zeigen, dass Sie der/die Richtige für diese Spezialisierung sind? Vielleicht bieten Sie Methoden, die genau für diese Spezialisierung passen? (EMDR für Trauma, Autogenes Training für Stress, Exposition für Sozialphobie). Am besten etwas, das sich gut zeigen lässt, zu dem es Bilder oder sogar ein Video gibt.

Sammeln Sie Ideen.

  • Googlen Sie andere Psychologen in Ihrer Umgebung. Was scheint bei denen zu funktionieren?
  • Googlen Sie Psychologen in anderen Städten, im Ausland und vor allem in Amerika (“Clinical Psychologist New York”). Dort scheint man es eher gewohnt zu sein, in Spezialisierungen zu denken.

Ich habe gefunden:

Noch mehr potenzielle Klienten bekommen Sie, wenn Sie auch Online-Beratung anbieten. Dann wäre auch eine ganz kleine Nische groß genug – weil ja ganz Österreich mit Ihnen Video-Chatten könnte.

Website erstellen

Heute sollte jeder Selbstständige eine eigene Website im Internet haben. Eine Facebook-Seite, Instagram-Profil kann die eigene Seite nicht ersetzen, weil man niemals die ganze Kontrolle darüber hat. Außerdem sterben soziale Netzwerke mit der Zeit – erinnern Sie sich an Geocities, MySpace oder StudiVZ? Soziale Netzwerke haben ein Ablaufdatum, Ihre Website bleibt für immer.

Nun gibt es zwei Möglichkeiten:

1. Die Website selbst erstellen mit einem Baukastensystem

Diese Baukastensysteme sind mittlerweile richtig gut, das schafft praktisch jeder. Ggf. lassen Sie sich helfen. Die Erstellung ist dann gratis, Sie zahlen einen festen Betrag später monatlich für die Domain (d. h. ihre “Internetadresse” z.B. www.max-psycho.at).

2. Die Erstellung der Website auslagern

Werbeagenturen werden Ihnen Angebote um ca. 2000 € vorlegen. Ich rate davon eigentlich immer ab. Das Ergebnis wird in vielen Fällen (technisch) schlechter sein, als jenes mit dem Baukastensystem. Selbst mit 2000 € sind sie ein zu kleiner Fisch für die Agenturen. Außerdem fehlt Werbeagenturen oft immer noch die technische Kompetenz, ein Produkt zu erstellen, das ein (eben richtig gutes) Baukastensystem schlägt. Richtig gute, individuelle Websites mit Optimierungen sind viel teurer, ab ca. 10.000 €. Aber das brauchen Sie nicht.

Also: Wir machen die Website selbst. Es gibt 2 bekannte Anbieter: Jimdo und Wix.

<wird laufend ergänzt>

Preise

Es gibt erstaunlicherweise recht viele Kollegen, die auf Ihrer Website keine Preise oder Honorare angeben. Ich habe aber noch nie ein fundiertes Argument dafür gehört. Können Sie sich vorstellen, dass ein Amazon ohne Preisangabe funktionieren würde? Eben. Im Internet erwarten die Nutzer eine Preisangabe, sonst findet man blitzschnell die nächste Seite.

Sie möchten je nach Patient/Klient einen unterschiedlichen Preis verlangen? Wer es sich leisten kann, muss mehr bezahlen? Das wird schwierig, schließlich müssen Sie das richtig einschätzen können und sie müssen mit den Mehreinnahmen auch noch kompensieren, dass Sie vorher schon einige potenzielle Patienten/Klienten verloren haben (die ohne Preisangabe gar nicht den Kontakt herstellen).

Also schreiben Sie Preise/Honorare hin. Wenn Sie einen Sozialtarif für Einkommensschwache anbieten, können Sie das erwähnen, den aber ohne Angabe.

<wird laufend ergänzt>

Buchtipps

Erfolgreich selbstständig | Gründung und Führung einer psychologischen Praxis

von Werner Gross

Buch: Erfolgreich selbstständig - Gründung und Führung einer psychologischen Praxis

Mein Fazit★★★★

Der Beginn einer Selbstständigkeit wirft viele Fragen auf: Wie kann ich das finanzieren, wie kalkuliere ich meine Preise? Kann ich von meinen Honoraren als Coach, Mediator oder Supervisor leben? Welche Gefahren sollte ich kennen?

Werner Gross, selbst niedergelassener Psychotherapeut und Experte für Existenzgründungsfragen, geht auf alle Fragen der frischen Selbstständigkeit ein.

Leider ist es für die rechtliche Lage in Deutschland geschrieben, dennoch lässt sich vieles auch für eine Gründung in Österreich anwenden. Eine ausführliche Vorschau findet sich auf Google Books. Auf Amazon kaufen…

Ethisches Marketing in Psychologie und Psychotherapie

von Helga Kernstock-Redl, Florian Schultheiss & EvaStühlinger

Buch: Ethisches Marketing Psychologie und Psychotherapie

Mein Fazit★★★★

Mag. Helga Kernstock-Redl, selbst Klinische, Gesundheits- und Wirtschaftspsychologin und Psychotherapeutin, zeigt wie sich Marketing und hohe ethische Ansprüche vereinbaren lassen. Dabei geht sie ein auf die rechtlichen Rahmenbedingungen in Deutschland und Österreich, Spezialisierungen, Empfehlungskultur und Preisgestaltung.

Leider inzwischen auch schon 8 Jahre alt. Zudem etwas trocken und manchmal zu ausführlich geschrieben – trotzdem ein guter Überblick, was Psychologen und Psychotherapeuten in der Selbstständigkeit erwartet, recht praxisnah und umfangreich. Eine ausführliche Vorschau findet sich auf Google Books. Auf Amazon kaufen…

Quellen

Podcast Praxisgründung von Sarah Al Hashimi

Werberichtlinie des Bundesministeriums für Psychotherapeuten (2010)

FAQ – Häufige Fragen

Brauche ich Eigenkapital?

Nein, zumindest nicht für die Gründung. An zwingenden laufenden Kosten gibt es erstmal nur die Berufshaftpflichtversicherung (ab 68,50 €/Jahr).
Dazu kommen vielleicht aber noch Miete für Praxisräume/Praxisgemeinschaft, zweites Handy für die geschäftliche Telefonnummer.

Ist eine eigene Website sinnvoll?

Ja, es reicht aber absolut eine sehr einfach gestaltete, die Du z.B. bei Jimdo selbst erstellen kannst. Kostet ab 9 €/Monat + 20 €/Jahr für Deine eigene Domain.

Brauche ich eine Registrierkasse?

Nur, wenn der Umsatz 15.000 € und gleichzeitig die Barumsätze (bar, aber auch Zahlungen mit Kreditkarte oder Bankomat) 7.500 € jährlich übersteigen. PayPal oder Online-Überweisungen zählen nicht als Barzahlungen.

Brauche ich einen Steuerberater?

Nicht unbedingt – vor allem wenn Sie den einfachen Weg mit den pauschalen Betriebsausgaben wählen. Außerdem ist die Hotline des Finanzamts wirklich empfehlenswert. Eine zweite Möglichkeit ist, sich das einmal von einem Steuerberater zeigen zu lassen und in den nächsten Jahren die Erklärung in Finanzonline selbst zu machen.