Pro 7 Video: Boot Camp für Internet-Süchtige in China | Galileo

In China gibt es mittlerweile rund 240 Boot Camps, die sich auf die Behandlung von Internet- und Computerspiel-Sucht spezialisiert haben. Dabei setzen die Behörden auf Zwangseinweisung, Disziplin und Drill anstelle von Psycho- oder Familientherapie. Pro 7 Galileo hat den 15-jährigen Song in so eine Einrichtung begleitet.

Song ist 15 Jahre alt. Er verbringt sein Leben in einem kleinen Zimmer, jede Stunde, jeden Tag in der Woche. Mit der realen Welt hat er abgeschlossen, ihm bleibt die virtuelle Welt in seinem Computer. Er ist internetsüchtig.

„Ich spiele den ganzen Tag“

Song, Internet-Süchtiger

Die chinesische Regierung versucht, mit drastischen Maßnahmen das relativ neue Problem der Computerspiel-Sucht zu bekämpfen. Für die Süchtigen wurden Boot Camps eingerichtet. Hinter Stacheldraht und weggesperrt sollen sie mit militärischen Methoden wieder in die reale Welt zurückgeholt werden. Strenge Disziplin und Drill wie in einem Armeelager soll den süchtigen Jugendlichen helfen. In ein solches Camp soll nun auch der 15-Jährige.

Zwangseinweisung

Als das Reporterteam Song und seinen Vater in seiner Wohnung besucht, weiß Song noch nichts von dem Plan seines Vaters. Er sitzt wie immer am Computer. Sein Vater ist verzweifelt, sieht das Boot Camp als letzte Chance. Er hat keinen Einfluss mehr auf seinen Sohn. In der Schule war er seit 6 Monaten nicht mehr.

„Ich gehe nicht mehr zur Schule, weil es dort langweilig ist. Computerspielen macht viel mehr Spaß.“

Song, Internet-Süchtiger

Das Boot Camp für Internet-Süchtige scheint der letzte Ausweg zu sein. Unter einem Vorwand wird Song aus dem Haus gelockt. Sein Vater hat ihm von einem Freizeit Camp erzählt. Es ist das erste Mal seit Monaten, dass Song das Haus verlässt. Schon das scheint ein kleiner Erfolg zu sein.

Ihn erwartet aber kein Freizeitlager, im Boot Camp in der nahen Stadt Jinan erwarten ihn monatelanger Drill und eiserne Disziplin. Computer gibt es dort keine.

Ist das Schule, Militär oder Therapie?

Offiziell gilt das Boot Camp als kleine private elitäre Schule, an der 30 junge Chinesen „behandelt“ werden. Das Mindestalter beträgt 12 Jahre. Sobald das Auto mit Song, seinem Vater und seinem Onkel vor der Einrichtung zum stehen kommt, geht alles sehr schnell. Ein Lehrer holt den 15-Jährigen an der Autotür ab und führt ihn auf das Gelände. Er nimmt ihn gleich mit in sein Büro, Song ist zugleich überrascht und verwundert. Dort angekommen, versucht er mehr über Song und seine Sucht zu erfahren.

„Was empfindest du, wenn du spielst. Freude? Empfindest du auch Freude, wenn du jemanden in den Kopf schießt?“

Lehrer am Boot Camp

Song beginnt zu verstehen, das er nicht in einem Freizeit Camp gelandet ist. Er hat noch keine Ahnung, was auf ihn zukommt.

„Ich habe Angst was als Nächstes kommt.“

Song, Internet-Süchtiger

Inzwischen klärt der Vater mit dem Personal alle Formalien. Der Aufenthalt von Song kostet ihn umgerechnet 500 € im Monat. Der Durchschnittslohn in China liegt bei ungefähr 300€ monatlich, deshalb ist es für ihn viel Geld. Zum Glück besitzt der Vater eine gut laufende kleine Druckerei, dadurch kann er sich das Anti-Sucht-Camp leisten.

Kein Kontakt

Verabschieden kann er sich von seinem Sohn nicht, das gehört zu den Regeln. Auch während des Aufenthalts darf es keinen Kontakt zwischen den Süchtigen und ihren Eltern geben.

„Es ist ein großes Opfer. Aber ich bringe es gern für meinen Sohn. Ich wünsche mir, dass er so schnell wie möglich zurückkommt.“

Lehrer am Boot Camp

Song sieht währenddessen das erste Mal seinen Schlafplatz. Handys sind verboten. Auch private Sache wie Tagebücher werden den Jugendlichen weggenommen. Es soll keine Geheimnisse geben – wie bei der Armee, erklärt der Lehrer.

„Wir verlangen Respekt. Internet-Süchtige können nicht mit anderen sprechen. Hier sollen sie das wieder lernen.“

Lehrer am Boot Camp

„Muss ich hier monatelang bleiben? Ohne Computer? Wo ist mein Vater?“

Song, Internet-Süchtiger

Seinen Vater wird er die nächsten Monate nicht sehen. Der Jugendliche fühlt sich allein und hilflos. Um auch noch den letzten Bezug zu seinem bisherigen Leben zu nehmen, muss er seine eigene Kleidung abgeben. Dafür bekommt er eine einheitliche Uniform im Tarnfarben-Look. Die Parallelen zu einer Militäreinrichtung sind nun unübersehbar.

Auch Mädchen werden behandelt

Im Boot Camp werden neben den Jungen auch Mädchen aufgenommen. Während Jungs eher wegen Computerspiel-Sucht hier sind, haben Mädchen öfter ein Problem mit sozialen Netzwerken wie Facebook. Auch dagegen soll der militärische Drill der chinesischen „Schule“ helfen.

Währenddessen geht der Tag für Song noch recht ruhig weiter. Er wird den anderen Jugendlichen kurz vorgestellt und spielt dann mit Ihnen auf dem Sportplatz der Einrichtung mit ihnen Basketball. Dem Reporter erzählt er, dass er früher gerne Basketball gespielt hat. Auch das ist ein kleiner Lichtblick. Etwas nachdenklich fügt er hinzu: Das war in einer Zeit, als er noch Freunde hatte. Durch das Computerspielen hat er Sport völlig aufgegeben.

Der gemeinsame Sport ist für Song eine Möglichkeit, seine Mitbewohner kennenzulernen. Der Drill geht erst am nächsten Morgen los.

Ein straffer Tagesplan

Der nächste Tag startet früh um 5:30 Uhr. Der Ton wird rauer. Die Bilder ähneln einem Ausbildungslager für Soldaten. Song und die anderen Jugendlichen müssen sich in Reih‘ und Glied vor dem Lehrer aufstellen. Dann geht es im Jogginglauf auf den Hof.

Für Computerspiel-Sucht gibt es in China andere Konventionen als in Europa. Nach chinesischem Maßstab ist krank, wer mehr als 6 Stunden täglich spielt. In Deutschland hingegen geht es nicht um Stunden, eher um Kriterien, wie negative Gefühle oder Kontrollverlust.

6:30 Uhr, Zeit für Morgensport. Sport ist einerseits ein erprobtes Mittel gegen depressive Gefühle. Andererseits kann der strenge Zeitplan und die dauernde Beschäftigung helfen, wieder Struktur in den Tag der Süchtigen zu bekommen.

„Wir machen hier Armeetraining um ihre schwachen Körper zu stärken.“

Lehrer am Boot Camp

Etwas Schule und viel Anstrengung

Auf dem Plan steht zwar auch Schulunterricht. Vor allem ist es aber körperliche Anstrengung, die Verbesserungen bringen soll. Als Zuschauer klingen die Lehrer wie Drill Sergeants aus amerikanischen Militärfilmen. Sie fordern Gehorchsam. Song ist inzwischen verzweifelt.

„Ich kann nicht verstehen, dass mein Vater mich hier her geschickt hat. Ich vermisse meine Computer und ich bin total nervös.“

Song, Internet-Süchtiger

Familiäre Probleme

Song stammt aus Jinan, einer Stadt mit 6 Millionen Einwohnern. Seine Eltern haben sich getrennt. Seitdem lebt er mit seinem Vater in einer 60 m²-Wohnung. Dann beginnt seine Internet-Sucht. In den Augen der Familie sind seine Freunde an seiner Krankheit schuld.

„Er hat die ganze Zeit bei seinen Freunden computergespielt. Zuhause spielte er dann immer weiter. „

Vater von Song

Ein verzweifelter Vater

Der Vater verbietet seinem Sohn den Umgang mit den Freunden. Der 15-Jährige rebelliert, will nicht mehr zur Schule. Weil der Vater viel arbeitet, hat er keine Zeit für den Sohn. Deshalb flüchtet sich Song immer mehr in virtuelle Welten. Songs Onkel versucht noch zu helfen, kann den Teufelskreis aber nicht verhindern.

„Wir haben die Internetverbindung abgeschaltet. Dann hat er aber Geld gestohlen und ist damit ins Internetcafé geflüchtet. Wir haben ihn tagelang gesucht, ihn auch geschlagen. Gebracht hat das aber nichts.“

Onkel von Song

Daraufhin hat der Vater seinen Sohn in die Wohnung eingesperrt, damit der zumindest nicht mehr abhauen kann. Der Onkel und der Vater erhoffen sich vom Boot Camp eine Lösung. Mit ihren erzieherischen Methoden sind sie am Ende.

Neue Aufgaben für Song

Währenddessen hat Song im Boot Camp neue Aufgaben bekommen. Ihm bleibt keine freie Minute, sein Tag ist komplett verplant.

„Zuhause musste ich nie putzen. Aber hier habe ich keine andere Wahl.“

Song, Internet-Süchtiger

Das ist das Behandlungskonzept der Lehrer. Vor dem Frühstück stimmen alle gemeinsam ein Armeelied an. Es geht um Freiheit, Vaterland und Kampfgeist.

7:30 Uhr, Frühstück. Es bleibt keine Zeit zum Entspannen. Auch beim Essen geht es militärisch zu, sprechen verboten.

Das Reporter-Team ist erstaunt, wie selbst Kleinigkeiten geplant sind. Um 7:50 Uhr bleiben den Jugendlichen genau 10 Minuten für eine Toilettenpause. Pinkeln auf Kommando.

8:00 Uhr: 30 Minuten stillstehen

In westlichen Einrichtungen versucht man es eher mit Entspannungsmethoden wie Autogenem Training oder Progressiver Muskelentspannung, um zur Ruhe zu kommen oder ein Gefühl für den eigenen Körper zu kriegen. Der chinesische Weg ist radikaler: die Jugendlichen müssen von 8:00 Uhr bis 8:30 Uhr in gewohnt militärischer Haltung stillstehen. Für einen Ungeübten eine extreme Herausforderung, das merkt auch Song schnell.

„Mit dem Stillstehen soll den Jugendlichen endlich Selbstdisziplin beigebracht werden. Es dauert einen halben Monat, bis die Schüler die Position gewöhnt haben. Aber es dauert viel länger, bis sie sie perfekt können.“

Lehrer am Boot Camp

Der Lehrer ist streng zu seinen „Schülern“: Schultern zurück, der Blick 15 Grad nach unten, die Fersen zusammen, die Fußspitzen 60 Grad auseinander.

Das Kamera-Team ist überrascht, dass die Jugendlichen den Anweisungen des Lehrers ohne Murren folgen. Die Lehrer scheinen Einfluss zu haben, wo Mütter und Väter keine Chance mehr hatten.

„Ich mache das, weil es die Anderen auch machen. Ich möchte nicht negativ auffallen.“

Song, Internet-Süchtiger

Das ist die Intention der Erzieher, Gruppendruck hält die Jugendlichen unter Kontrolle. Niemand möchte ein Außenseiter sein.

250 Boot Camps, Tendenz steigend

Es gibt in China 250 Boot Camps für Internet-Süchtige. Dem Kamerateam wurde versichert, dass es in diesem Camp keine körperlichen Bestrafungen oder Misshandlungen gibt. Das gilt nicht für alle Boot Camps, Schläge und Elektroschocks kommen in manchen vor.

Überraschend ist, dass Song inzwischen sogar Spaß an den Übungen findet. Beim gemeinsamen Tanzen wirkt er noch sehr unbeholfen. Eine Übung zu Vertrauen und Fallen gefällt ihm besser und beim Schattenboxen ist ihm der Spaß anzusehen.

„Auf unseren Kindern lastet in der Schule großer Leistungsdruck. Unsere Gesellschaft bietet ihnen keine Möglichkeit zu entspannen. Dann versuchen die Kinder, Anerkennung und Respekt zu bekommen. Das ist in Computerspielen einfacher als im echten Leben.“

Leiter und Gründer des Boot Camps

Ein Hauch von Gruppentherapie

Nach der 2-stündigen Mittagspause geht es mit Gruppenübungen weiter. Zuhause war jeder ein Einzelkämpfer, isoliert von der Umwelt, ohne soziale Kontakte. Im Boot Camp müssen die Jugendlichen in vielen Übungen zusammenarbeiten und sich aufeinander verlassen können. Song hat damit noch Probleme.

„Es ist sehr angsteinflößend und schwierig, anderen zu vertrauen. Aber wenn ich jetzt zuhause wäre würde ich vor dem Rechner sitzen und wäre müde. Heute fühle ich mich richtig gut.“

Song, Internet-Süchtiger

Das könnte man schon als zaghafte erste Erfolge verbuchen. Songs Aufenthalt soll noch 4-6 Monate dauern.

Währenddessen darf ein anderer Junge das Camp verlassen, er hat seine 4 Monate hinter sich. Mit einer kleinen Verabschiedungszeremonie und unter den Augen der Lehrer verabschiedet er sich von den Anderen. Jeder Einzelne umarmt ihn noch einmal herzlich zum Abschied.

„Ich habe in den letzten 4 Monate tolle neue Freunde gewonnen. Heute gehe ich zurück nach Hause. Ich verspreche euch, ich werde mich ändern.“

Unbekannt, Jugendlicher im Boot Camp

Überzeugte Lehrer

Der Leiter der Einrichtung gibt an, dass 90 % der Abgänger nach dem Boot Camp geheilt sind. Überprüfen kann man die Zahlen nicht. Skepsis ist angebracht, schließlich ändert das Boot Camp nichts an den Bedingungen zu Hause oder in der Schule. Psycho- oder Familientherapie findet nicht statt. Dennoch ist eine positive Stimmung beim Abschied nicht abzustreiten. Ein anderer Junge darf an diesem Tag endlich nach Hause.

„Ich freue mich darauf, meine Familie und meine Heimat wiederzusehen. Ich habe so hart an mir gearbeitet, ich werde bestimmt nicht mehr internet-süchtig.“

Unbekannt, Jugendlicher im Boot Camp

Um 21:30 Uhr ist Schlafenszeit. Song ist nach dem ersten Tag positiv gestimmt.

„Ich bin überzeugt: Wenn ich nach dem Camp nach Hause komme, bin ich nicht mehr internet-süchtig.“

Song, Internet-Süchtiger

Dr. Armin Kaser

Ich bin Psychologe in Innsbruck, spezialisiert auf Computerspiel-Sucht und biete dazu die Online-Sprechstunde per Video-Chat an.

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