ARD Video: China | Mega-Hype um Computerspiele | Weltspiegel

Sensationelle ReaktionsfĂ€higkeit, extreme Konzentration – und das die ganze Nacht lang. So könnten Hochleistungssportler der Zukunft aussehen. Das ist nicht mehr nur Computerspielen, das ist E-Sports, als AbkĂŒrzung fĂŒr elektronischen Sport.

Und diese Zukunft hat in China schon begonnen. Tag fĂŒr Tag spielen dort eine halbe Milliarde Menschen. Übertroffen werden sie derzeit in E-Sport-Events nur von den SĂŒdkoreanern. In der Weltmeisterschaft von League of Legends, einem der populĂ€rsten Strategiespiele derzeit, hat das kleine Land den großen Rivalen geschlagen.

In Schanghai bekommt Reporter Mario Schmidt einen Einblick in das Trainingslager der E-Sport-Profis. Die Mannschaft 1246 trainiert verbissen, fast jeden Tag bis Mitternacht. An diesem Tag ist Stimmung besonders gespannt. Morgen steht ein wichtiges Match bevor.

Bis zu 15 Stunden tÀglich, 6 Tage die Woche

Yan Jiawei, einer der Profis, nimmt seinen Job Ă€hnlich ernst wie ein Profi-Fußballer. Er verbringt 12 bis 15 Stunden tĂ€glich vor dem Computer. Nur einen Tag in der Woche nimmt er sich frei.

Er spielt Overwatch, ein 3D-Shooter, bei dem es neben schnellen Reaktionen vor allem auf strategisches Vorgehen ankommt. Mit seinen Mitspielern ist er per Headset, Mikrofon und Kopfhörer verbunden. Damit geben sie sich Kommandos. „Pass auf.“ „Gib mir Schutz“. Aber noch ist er nicht zufrieden.

„Wir haben starke individuelle FĂ€higkeiten, mĂŒssen aber als Team noch besser zusammenarbeiten.“

Yang Jiawei, Profispieler

Der Gegner im Spiel sitzt weit entfernt in einer anderen Stadt in SĂŒdkorea. Der Vergleich zum Fußball drĂ€ngt sich auf. Der Trainer gibt wie von der Spielfeldseite Anweisungen, nimmt Einfluss auf die Spieler. Yuan Jiaxu ist Trainer und Manager zugleich. Er und sein Betreuerteam sind bei Training und WettkĂ€mpfen immer dabei.

E-Sports-Boom in China

„Nach mehreren Jahren Entwicklung und dem Aufbau von festen Strukturen hat der E-Sport an Anerkennung gewonnen. Diese Jungs arbeiten hart und haben bewiesen, dass das mehr ist als bloßer Zeitvertreib.“

Yuan Jiaxu, Manager und Spielerbetreuer

Die Spieler verbringen auch ihren Alltag miteinander. Sie wohnen dauerhaft zusammen in einer Villa. Der Mittagstisch ist gedeckt, darum brauchen sie sich nicht selbst zu kĂŒmmern. Im Vergleich zu Fußballprofis leben sie doch etwas bescheidener. Zu viert in einem 4-Bett-Zimmer ist es eng.

Vom Traum, Profi zu sein

Dennoch beneiden viele Junge Chinesen den E-Sport-Profi Yang. Er lebt ihren Traum, einmal ein echter Profi zu werden.

„Im Zimmer haben wir keine Computer. Wenn ich nachts aus dem Training komme, mache ich nicht mehr viel. Ich komme zum Essen und zum Schlafen her, nur manchmal spiele ich noch etwas auf dem Telefon oder chatte mit Freunden.“

Yang Jiawei, Profispieler

Im Olympiastadium von Peking lĂ€uft wĂ€hrenddessen das Weltmeisterschaftsfinale von League of Legends. Auf riesigen Bildschirmen verfolgen ĂŒber 40.000 Menschen ein perfekt inszeniertes Spektakel. In der Eröffnungsshow landet ein virtueller Drache mitten im Stadium. Reale und digitale Welt verschmelzen. In der Zwischenzeit bereiten sich die Profis auf das entscheidende Spiel vor.

Neue Berufe in der E-Sport-Industrie

Neben den Spielern gibt es eine Reihe von Berufen, die durch den E-Sport ebenfalls entstanden sind. Qian Cheng ist Kommentator und bringt so seine Leidenschaft zum Computerspiel in seinen Beruf ein. Die Spiele werden live im Internet ĂŒbertragen. Das Interesse daran nimmt in allen Teilen der Welt zu, am grĂ¶ĂŸten ist es jedoch in China. Fast 80 Millionen Menschen schalten zu diesem Finale ein – obwohl im Finale nur zwei sĂŒdkoreanische Teams stehen. Das Publikum fiebert, leidet mit wie bei einem Fußballspiel.

Computerspiel-Sucht ist ebenfalls wie E-Sport ein PhĂ€nomen, das in China stetig grĂ¶ĂŸer wird. FĂŒr den Kommentator Qian Cheng hat das aber nichts miteinander zu tun.

„Wer meint, dass E-Sport eine Suchtgefahr darstellt, denkt sehr konservativ. Junge Leute, die in den 80er und 90ern geboren wurden, erkennen es als Sport an. Sie sehen darin nichts schlechtes, sondern etwas positives und gesundes.“

Qian Cheng, Kommentator

Das Internet wird in China von den Behörden streng kontrolliert, solange es politisch unbedenklich ist, haben diese aber kein Problem.

Von der Regierung gefördert

Besonders die Spieleindustrie hat mittlerweile das Wohlwollen der chinesischen Regierung. Deshalb konnte sich ein milliardenschwerer Markt entwickeln. Viele Manager der E-Sport-Branche möchten den nÀchsten Schritt gehen und ihn als olympische Disziplin etablieren.

„E-Sport selbst braucht keine Anerkennung von einer anderen Organisation, um seinen Wert zu zeigen. Es ist ja schon Teil von einigen asiatischen Sportveranstaltungen. Wir sollten mehr darĂŒber nachdenken, welches Spiel olympisch werden könnte.

Cao Di, E-Sport-Veranstalter

Die Spieler haben sich an den Star-Rummel schon gewöhnt. Yang Jiawei geht vor jedem Spiel in die Maske, dann ein obligatorisches Foto mit einem Fan. Anfangs hatten seine Eltern große Vorbehalte gegen seinen neuen Job. Sie fanden, er verbringe zu viel Zeit vor dem Computer. Sie haben mittlerweile ihre Meinung geĂ€ndert und sind stolz auf ihren Sohn.

E-Sport-MillionÀre

Wohl auch deshalb, weil E-Sport-Profis hohe Preisgelder gewinnen können. Die Wettbewerbe haben schon mehrere junge MillionĂ€re hervorgebracht. Bis dahin ist es fĂŒr Yang Jiawei und seine Mitspieler noch ein weiter Weg. Aktuell verdienen sie im Schnitt 2500 € im Monat. Preisgelder kommen dann oben drauf.

Die Preisgelder werden von der breiten Spielerbasis getragen. GeschÀtzte 170 Millionen Chinesen sind E-Sport-Fans und spielen auch selbst.

„E-Sport ist mitreißend, leidenschaftlich. Ich spiele selbst auch, deshalb macht es Spaß, zuzugucken.“

Zuschauerin

Das Team 1246 um Yang Jiawei hat heute wenig GlĂŒck. Ein verzweifeltes AufbĂ€umen aber auch die letzten Anweisungen des Trainers helfen heute nicht mehr. Ihr Spiel ist verloren.

„Die anderen waren klar besser, wir mĂŒssen noch viel trainieren, um sie besiegen zu können.“

Yang Jiawei, Profispieler

Karriereende mit 25

Den Profis von 1246 bleibt nicht lange Zeit, um es zum MillionÀr zu schaffen. Mit 25 Jahren haben die meisten Spieler ihren Höhepunkt schon hinter sich, dann gelten sie als zu alt.

Ein paar Jahre bleiben Manager Yuan Jiaxu und seinen SchĂŒtzlingen noch fĂŒr einen großen Titelgewinn in der boomenden Welt des E-Sports.

Dr. Armin Kaser

Ich bin Psychologe in Innsbruck, spezialisiert auf Computerspiel-Sucht und biete dazu die Online-Sprechstunde per Video-Chat an.

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