Ist mein Vater internetsüchtig?

Eine Abiturientin sucht Rat im Umgang mit ihrem facebooksüchtigen Vater. Thread aus dem FORUM NETZWERK FÜR HILFESUCHENDE “aktiv-gegen-mediensucht.de.

Computerspielsucht Onlinesucht Internetsucht

rhea – Mittwoch, 24. Feb, 16:12

Hey ihr!

Zugegeben, meine Situation fällt hier etwas aus der Reihe, weil die meisten von computersüchtigen Kindern oder Partnern berichten. Bei mir handelt es sich aber um meinen Vater.
Ich hoffe mein Beitrag ist hier trotzdem richtig?!

Zur Situation:
Also, ich bin weiblich, fast 21 Jahre alt und wohne seit meinem 11. Lebensjahr bei meinem Vater (65 Jahre). Er ist bzw. war alleinerziehend. Vorher habe ich bei meiner Mutter und ihren neuen Mann gewohnt und war nur zu Besuch bei meinem Vater. Geschieden sind mein Vater und meine Mutter seit 1997. Mein Vater ist jetzt seit ein paar Monaten in (vorzeitiger) Rente.

Das Problem:
Ich vermute stark, dass er internetsüchtig ist. Ich sehe ihn 95 % des Tages nur von hinten und ist teilweise auch nicht wirklich ansprechbar, d.h. manchmal bekomme ich keine Antwort auf fragen oder erst nach wiederholtem nachhaken. Seine Zeit vor dem PC beläuft sich, je nachdem wann er aufsteht, ins Bett geht, auf ca. 16/17 Stunden täglich, also durchgängig vom Aufstehen bis zum zu Bett gehen. Die Zeit ist er meistens auf Facebook und führt da irgendwelche Diskussionen/Debatten oder schaut auch nur.

Warum ich denke, dass das schon krankhaft ist:

  • Die Zeitdauer.
  • Es geht schon seit ich eben 11/12 bin so. Davor war es entweder nicht so, oder aber ich habe es nicht so mitbekommen, weil ich ja noch nicht bei ihm wohnte.
  • Er war damals durchaus oft am PC, aber da hat noch nichts drunter gelitten, d.h. der Haushalt wurde gemacht, gearbeitet hat er normal und wenn ich zu Besuch war gab es auch Ausflüge (ohne Internet!)
  • Das erste was er morgens nach dem Aufstehen oder nach dem Betreten der Wohnung macht, ist PC an.
  • Wirklich viel im Haushalt macht er nicht. Hier ist es ziemlich dreckig. (Fairness halber: Das liegt aber nicht nur an ihm; auch bei mir bleibt viel liegen. Ich mache dieses Jahr mein Abi und außerdem habe ich mit psychischen Erkrankungen zu kämpfen); jedoch hat er früher tatsächlich deutlich mehr gemacht.
  • Hygiene ist auch so eine Sache. 2x/Woche baden, finde ich noch ok, da er ja sich nichts Schweißtreibendes macht, ABER: Zähneputzen…. keine Ahnung wie oft er das genau macht. Selten jedenfalls. Alle 3 Wochen mal? Hände gewaschen wird auch nicht immer. Es ist so, wenn ich morgens weggehe, dann drehe ich das Wasser ab. Und manchmal, wenn ich um 14/15 Uhr von der Schule komme, ist das Wasser immer noch abgedreht. Also hat er sich weder nach dem Toilettengang, noch vor dem Essen die Hände gewaschen – und das ist wirklich Grundhygiene! Pipi spült er oft gar nicht runter, wodurch es ziemlich nach Urin im Bad riecht. Es kommt auch vor, dass sein großes Geschäft noch in der Schüssel schwimmt. Unsere Spülung ist nicht sonderlich stark und es kann durchaus vorkommen, dass man halt zweimal spülen muss. Ich habe ihn darauf auch schon hingewiesen, aber ab und zu liegt trotzdem noch was drinnen und ich finde das ehrlich gesagt nicht sonderlich appetitlich. Vor allem, weil es ja nicht schwer ist zu schauen, ob beim ersten Spülen alles wegging und ggf. nochmal zu spülen.

Einige Situationen lassen auf eine Sucht schließen. Beispiele:

  1. Ich war mit meinem Vater in einer Stadt, ca. 1,5-2h weg von hier, als Ausflug (da war ich 14/15?! Heute gibt es so gut wie keine Ausflüge mehr). Er ist alle 2h für 20-30 min in einem Internetcafé verschwunden, weil er ja “was posten muss”. Als es Zeit für die Rückfahrt war, hatte das Internetcafé schon zu und er musste ja unbedingt nochmal vor der Fahrt was posten. Wir haben erst die Stadt nach anderen Internetcafés abgesucht und als das nicht erfolgreich war, ist er statt auf der Autobahn zu fahren, die Landstraßen gefahren und durch Orte, um doch noch was zu finden. Ich war genervt und meinte, er könne die Zeit bis zu Hause schon noch aushalten. Er meinte, nein das geht nicht, er müsse doch was posten. Ende vom Lied: Die Rückfahrt hat statt 2h fast 4 Stunden gedauert, da wir die ganze (!) Strecke auf Landstraßen gefahren sind. Erfolgreich waren wir trotzdem nicht.
  2. Generell ist es so, wenn er unterwegs ist (was sehr selten geworden ist), dass in regelmäßigen Zeitabständen ein Internetcafé aufgesucht werden MUSS.
  3. Es geht ihm wohl um das Ansehen von seinen virtuellen Bekannten auf FB. Vor kurzem folgende Situation: Es sollte eine große umstrittene Veranstaltung im Ausland sein, die Meinungen dazu waren sehr kontrovers. Er hat die Veranstalter etc. angeschrieben, damit die Veranstaltung abgesagt wird. Letztendlich wurde sie auch abgesagt. Er: “meinetwegen wurde die Veranstaltung abgesagt! Ha! Das steigert wieder mein Ansehn!”. Dabei ist es unwahrscheinlich bis fast unmöglich, dass die Veranstaltung nur wegen ihm abgesagt wurde. Da sind bestimmt auch andere Sturm gelaufen und haben sich beschwert und die Gesamtheit der Beschwerden hat die Absagung ausgelöst. Das sah er aber nicht ein.

(Verzerrte Wahrnehmung!?)

Jedenfalls bin ich echt traurig darüber. Ich hätte gerne meinen Vater wieder. 🙁 Er ist aber auch jemand, er würde es nieeee einsehen, dass er evtl. süchtig ist.

Wie seht ihr das? Kann man da von Sucht reden? Obwohl er z.b. kein WoW spielt, sondern “nur” auf FB ist?!

Liebe Grüße
rhea


der_dau – Donnerstag, 25. Feb 2016, 11:27

Hallo rhea,

willkommen im Forum.
Du hast da einen langen schwierigen Weg vor dir (und dein Vater auch). Schön das du hier bist und Verantwortung zeigst. Die Situation mit deinen eigenen Problemen und dem Abi ist nicht leicht zu meistern. Du musst bedenken, dass du allein mit ihm wohnst.

Es gibt Selbsthilfegruppen für Angehörige (auch online & anonym). Vielleicht schaust du dort mal vorbei.

Macht es einen Unterschied, ob es eine Sucht ist oder nicht? Es ist in jedem Fall pathologisch. Ich lese genug heraus dass auf eine sehr stark ausgeprägte Sucht hindeutet. Ich habe nicht Psychologie studiert und selbst wenn ich es hätte kann ich online, mit der Beschreibung von jemand anderem keine Diagnose geben. Ich persönlich sprech da bei deinem Vater von Sucht.

Fest steht dein Vater hat ein Problem und du kannst ausgehen das er es schon sehr lange hat.
Es ist höchstwahrscheinlich, dass sich die Situation dort verschlimmert. Soll heißen, dass er mehr und mehr Dinge vernachlässigen wird, an Depressionen oder Angststörungen erkrankt?

“Er ist aber auch jemand, der nie zugeben würde, süchtig zu sein”.

Natürlich nicht, denn ohne dass man sich selbst anlügt und Missstände (und seien sie noch so offensichtlich) ausblendet und lügt, würde es niemals zu einer solchen Situation kommen. Du hast hier einen ersten Schritt in die richtige Richtung gemacht, du hast dir die Situation bewusst gemacht und suchst nach einem Ausweg.

So wie schaffst du es deinen Vater für eine Therapie zu überzeugen?
Dafür gibts keine genaue Vorgehensweise. Ob er nun 15h am Tag in Facebook ist oder Wow spielt ist dir total egal, er richtet sich selbst zugrunde & dich ja auch.

Ich hatte in meiner Therapie Patienten kennengelernt, die 10h am Tag sinnlose Informationen gesammelt hatten oder eine mehrere Dutzend schwere TB Sammlung an Filmen, Musik und Pornos. Ich kenne also schon persönlich Menschen, die von der Flimmerkiste süchtig wurden ohne zu spielen.

Such dir zunächst Hilfe!! Das ist elementar. Hab den Mut dich deiner Mutter anzuvertrauen, in eine Selbsthilfegruppe zu gehen, dir einen Therapeuten zu suchen (oder deinem jetzigen auch das anvertrauen). Du hast selbst Probleme und bist noch sehr jung mit 21, du kannst und solltest deinen Vater nicht alleine konfrontieren.

Hast du die Möglichkeit zu einer Freundin/Bekannten/Mutter/wg zu ziehen? Du kannst ihm doch nur helfen, wenn die Situation dich selbst nicht zugrunde richtet. Das ist das, was ich dir zunächst mitgeben möchte, schau erst nach dir, baue Abstand auf. Und dann such dir Hilfe

mfg


merle – Samstag, 27.Feb 2016, 17:05

Hallo rhea,
ich bin tief betroffen über das, was du da an Schwerem zu tragen hast, obwohl du noch so jung bist und dich eigentlich an dem, was kommt und sein wird, freuen solltest. Dass du in diesem Jahr dein Abi machst, erschwert das Ganze noch, denn eigentlich solltest du dich voll und ganz und mit aller Kraft auf dein Lernpensum konzentrieren, damit du einen möglichst guten Abschluss schaffst.

Ich denke, dass es nicht deine Aufgabe sein darf, deinen Vater zu “retten”. Wichtiger wäre es, dass du so bald wie möglich aus dieser unguten Situation heraus kommst. Besteht denn die Möglichkeit, dass du nach dem Abitur für ein Studium in eine andere Stadt ziehen kannst? Du solltest Abstand schaffen zwischen dir und deinem Vater, weil es nicht deine Tochterpflicht ist, ihn aus seiner Abhängigkeit herauszuholen. Du brauchst für dich die Perspektive, dass ein neues, anderes und gutes Leben “da draußen” auf dich wartet, damit du bis zum Herbst durchhältst und das Beste für deine Zukunft geben kannst. Gib in deinem Herzen deinem Vater die Verantwortung für sein Tun zurück.

Er ist groß und wenn er sich für diesen Weg entscheidet, dann versuche das zu akzeptieren. Nur wenige Monate noch sollte dein Leben und Wohnen mit dem seinen verknüpft sein und dann kannst du aufatmen und den für dich richtigen Weg gehen. Du wirst deinen Vater immer lieb haben und das wird er auch wissen. Aber dein Leben mit seinem zu verzahnen, weil du den Eindruck hast, dass er es ohne deine Hilfe nicht schafft, wäre fatal. Du darfst dich lösen – du musst es sogar. Nur so kannst du gesund und mit voller Kraft an die Gestaltung deiner Zukunft herangehen.

Sei herzlichst gegrüßt
von Merle


rhea – Sonntag, 28. Feb 2016, 00:40

Danke für eure Antworten!

Ja, mich hier ans Forum zu wenden war ein erster Schritt – aber dennoch zweifle ich immer noch. Ich neige dazu zu denken “Ach, ist doch alles nicht so schlimm”. Ich habe es bisher auch so überlebt und ich kenne es von hier gar nicht anders. Es ist irgendwie schwer sich einzugestehen, dass das, was man 9/10 Jahre erlebt hat und man als normal wahrgenommen hat, plötzlich nicht mehr “normal” sein soll. Aber mir wird es in letzter Zeit immer mehr bewusst, dass es bei anderen eben nicht so ist.

Meine Mutter wohnt aktuell im Ausland und sie war mich hier 3x besuchen (und ich sie 2x). Während dieser Zeit hat sie bei ihrer Schwester und ihrem Mann im Haus gewohnt, die hier nicht sehr weit entfernt wohnen. Und natürlich war ich auch öfter mit bei ihnen bzw. habe oft sogar dort übernachtet, da die Zeit mit meiner Mutter ja begrenzt war.

Dort ist es total anders. “Früher” ist meine Tante abends von der Arbeit gekommen, mein Onkel war schon da, da er EU-Rente bezieht, und dann wurde gemeinsam Abendessen gemacht, es wurde gemeinsam am Tisch gegessen und geredet über Gott und die Welt; wir saßen nach dem eigentlichen Essen noch gut 30-40 Minuten da und haben geredet; und abends gab es dann einen gemütlichen Abend vor dem Fernseher.
Heute ist es fast gleich, nur dass meine Tante jetzt auch Rentnerin ist. Aber dort ist der PC höchstens (!) mal eine Stunde am Tag an; sonst wird geredet, eingekauft, was im Garten gearbeitet; Ausflug gemacht etc.
Das gibt es hier alles nicht.

Ein anderes Thema, was mittlerweile dazu geführt hat, dass ich durchaus daran zweifle, dass es bei jedem so ist: Wir sind 2014 umgezogen. Nicht weit weg, sondern nur etwas in die Stadt rein. Das ist jetzt also fast schon 2 Jahre her.

Und bisher sind 2 Regale immer noch nicht aufgebaut; bei der Couch fehlen noch die Lehnen, die Waschmaschine ist nicht angeschlossen (haben jedoch eine Gemeinschaftswaschmaschine im Keller); die Innenjalousie ist kaputt, in der Küche fehlt eine Abdeckung und wir haben in 2 (von 3) Zimmern immer noch keine Deckenlampe, sondern nur behelfsmäßig Schreibtischlampen.

Und immer wenn ich frage, ob wir z.b. mal die Lampen aufhängen können kommt ein “Ich kann nicht alles tun” oder “Dazu muss man erstmal die Zeit finden”. Ja klar muss man Zeit finden… aber in 2 Jahren wäre sicher mal Zeit gewesen. Er bräuchte ja “nur” 1-2h seiner PC-Zeit zu opfern. Und er muss es auch nicht alleine machen – ich helfe gerne. Ich hätte die Sachen auch schon längst selbst erledigt, wenn ich wüsste wie oder selbst Hilfe hätte. Aber nix da. Und es ist auch nichts absehbar.

Und ich nehme immer mehr wahr, dass mich diese Situation eben doch belastet. Früher hatte ich kaum Zugang zu meinen Gefühlen, was jetzt durch die Therapie besser geworden ist – das heißt aber eben auch, dass ich Sachen wahrnehme, die ich früher noch nicht wahrgenommen habe. Und sein PC-Verhalten ist eines davon.

So, jetzt habe ich mich schon wieder verplappert :-). Aber wahrscheinlich versuche ich mich damit selbst zu überzeugen, dass ich meiner Wahrnehmung trauen darf und es nicht “doch nicht so schlimm” ist.

Auszug ist geplant. Ich werde ja dieses Jahr mein Abi machen. Was danach kommt weiß ich aber noch nicht, also ob Ausbildung oder Studium. Wobei ich (wegen meiner psychischen Erkrankung) eher in Richtung Ausbildung tendiere. Jedoch habe ich noch keinen Ausbildungsplatz, weil ich auch etwas spät dran bin und meine Noten auch nicht die Besten sind. Würde ich eine Ausbildung machen, wäre ein Auszug eher weniger problematisch.

Anders, sollte ich mich doch für ein Studium entscheiden, oder sollte ich – wie von einigen Seiten geraten – die Zeit nach dem Abi nochmals für eine längere stationäre Therapie nutzen. Das Thema Ausziehen gestaltet sich also durchaus schwierig.

Es wird schon seit fast 4 Jahren wegen Auszug hin- und herüberlegt. Damals hatte ich sogar eine Kostenzusage vom Jugendamt zwecks (therapeutischer) WG. Das ist jedoch im Sand verlaufen, da dann eine andere JA-Mitarbeiterin zuständig war und die deutlich weniger engagiert war und weil mein Vater total dagegen stand (er müsse ja Unterhalt bezahlen).

Von wegen mit jemandem besprechen… Meine Mutter weiß davon, aber sie kann auch nichts daran ändern. Genauso wenig wie ihr es hier könnt (trotzdem Danke fürs “auskotzen” :-).

Das Verhältnis zu meinem Therapeuten ist recht schwierig, aber das zu erörtern würde das Thema hier sprengen. Jedenfalls ist es im Moment keine Option, mit ihm darüber zu reden. Aber Danke für den Tipp mit der Selbsthilfegruppe – da werde ich mich mal umtun :-).

Soviel für heute.
LG,
rhea


karla – Sonntag, 28.Feb 2016, 16:30

Liebe rhea,

das alles von Dir zu lesen macht mich sehr traurig. In Deinem Alter sollte man unbeschwerter an die Zukunft denken.

Bitte nimm Merles Antwort ernst.

Du bist nicht für Deinen Vater verantwortlich, aber er für Dich. Ganz gleich, was für schlimme Erfahrungen er im
seinem Leben machen musste, dürfen die keinen solchen Einfluss auf Deines haben.
Nun ist es aber, wie es ist und auch ich denke, dass Du da wegmusst!

Kannst Du mit Deiner Tante und ihrem Mann über Deine Situation sprechen? Ich weiß, dass es schwer ist, offen über eine so schwierige Lage zu reden, immerhin will man kein “Nestbeschmutzer” sein. Du willst Deinen Vater ja nicht schlecht machen. Aber glaube mir, nur so kannst Du Hilfe bekommen. Auch das Jugendamt und der Therapeut können etwas für Dich tun, wenn Du alles erzählst, was Dich bedrückt! (die haben Schweigepflicht!).

Mit Deinem Vater brauchst Du tatsächlich nicht zu rechnen: Er sieht Dich nicht und kann Dich auch nicht hören. ER IST SÜCHTIG!

Bitte tue Dir den Gefallen und vertraue Dich jemandem in Deiner Umgebung an. Und lass Dich in den Arm nehmen!

Herzlichste Grüße, karla


rhea – Sonntag, 20. Mär 2016, 20:47

Heeey!

Tut mir leid für sie sehr verspätete Antwort. Ich bin in letzter Zeit öfter mal kurz in der Klinik.

Alsooo, mit meiner Tante/Onkel kann ich eher nicht reden, da ich mit ihnen nicht so vertraut bin. Ich habe sie 2014 zum ersten mal nach mehr als 10 Jahren Kontaktpause gesehen. Sie sind echt okay…. aber ich würde mit ihnen jetzt nicht über solche Themen sprechen.

Und mit dem Auszug ist es wie gesagt schwierig. Ich würde schon gerne, da es auch noch andere Reibereien mit ihm gibt, aber ich bin noch Schüler und nächstes Jahr wahrscheinlich FSJlerin, da ist nichts mit selber finanzieren. Und ehrlich gesagt habe ich auch etwas bedenken wegen alleine wohnen.

LG
rhea


merle – Donnerstag, 24.Mär 2016, 12:15

Hallo rhea,

dann bleibt wahrscheinlich nur der Weg, dass du dir ganz klar das Ziel vor Augen setzt, deine Zwischenschritte zu schaffen: Abitur, FSJ, Ausbildung. Am Ende dieser Kette steht deine Selbständigkeit, die dir ermöglicht, dein eigenes Leben nach deinen Vorstellungen zu leben. Sieh es wie einen Tunnel, an dessen Ende das Licht bereits schimmert und bei dem dein Weg immer heller werden wird, je näher du dem Ausgang kommst.

Wenn es dir gelingt, dich voll und ganz auf dich zu konzentrieren und deinen Vater hin zu nehmen, so wie er ist – süchtig, in sich eingesperrt und festgefahren in seiner Abhängigkeit – dann kannst du du es vielleicht schaffen, dies alles auszuhalten. Du kannst ihn nicht retten und dies darf auch nicht deine Aufgabe sein. Schau auf dich und deine Ziele, wie ein Pferd mit Scheuklappen, das nur seinen Weg geht, ohne rechts und links störende oder irritierende Dinge zu registrieren.

Ich wünsche dir auf jeden Fall, dass du all die nächsten Schritte erfolgreich zu meistern in der Lage bist und wünsche dir, dass du bald befreit wirst von dieser schweren Lebenssituation.

LG Merle


rhea – Sonntag, 8.Mai 2016, 18:01

Ich muss den Thread jetzt doch nochmal hochholen. Ich mache ja dieses Jahr Abitur. Die schriftlichen Prüfungen sind auch schon rum. Und natürlich kam jetzt früher oder später der Abiball ins Gespräch. Alle kommen da mit ihren Familien, Geschwistern etc. Manchmal sogar Tante/Onkel.

Und ich? Ja, ich habe meinen Vater gefragt. Mit dem Ergebnis, dass er nicht mit möchte. Ich bin so unendlich traurig darüber und ich überlege jetzt auch schon die ganze Zeit hin und her, ob ich selbst gehen sollte? Einerseits ist es meine Abschlussfeier und wohl die letzte Möglichkeit nochmal alle zu sehen. Andererseits habe ich so keine Lust alleine dort hinzugehen. Alle werden bei ihren Angehörigen sein, und ich steh dann irgendwie alleine in der Ecke rum und starre in die Luft. Und Hin- und Rückweg wäre auch doof. Ich müsste dann ja im Kleid mit den Öffentlichen fahren und ehrlich gesagt mir das sehr unangenehm. Ich stehe sowieso nicht gerne im Mittelpunkt und mit einem Abendkleid im Bus erregt man so oder so Aufsehen.

Eigentlich war der Kartenverkauf schon vor den schriftlichen Prüfungen, aber da hatte ich mir keine geholt.
Jetzt gäbe es eben noch die letzte Möglichkeit die Karte(n) am Dienstag zu kaufen. Aber ich weiß wie gesagt nicht. Es ist eine richtige Zwickmühle.

Ich meine, ich würde es voll verstehen, wenn es einen richtigen Grund gäbe, warum er nicht kommen kann. Aber er WILL NICHT. Damals zu meiner Mittleren Reife ist er auch nur widerwillig mitgegangen (“Muss ich da wirklich hin?!”, und mir war klar, dass es jetzt wohl nicht anders sein wird. Aber dass er dann tatsächlich nicht kommt, hätte ich nie gedacht. Jemand anderes kann ich nicht einladen, denn ich habe niemand anderen.

Ich weiß auch nicht warum ich das hier gerade schreibe, es wird sich eh nichts mehr daran ändern, aber ich glaube es musste einfach mal raus. Seit bitte nachsichtig mit mir.

Liebe Grüße,
rhea


merle – Montag, 9. Mai 2016, 15:45

Hallo rhea,

ich muss zugeben, dass mir dein letzter Beitrag ziemlich zugesetzt hat. Ich bin fassungslos, dass dein Vater dich in dieser so wichtigen Situation so allein lässt und mir fehlen fast die Worte für diese Ungeheuerlichkeit.

Trotzdem erst einmal meine herzlichsten Glückwünsche zum bestandenen Abitur. Dass du trotz deiner mehr als schwierigen Lage zu Hause diesen Schritt erfolgreich abgeschlossen hast, wertet ihn noch doppelt auf. Du bist eine bärenstarke Frau, vor der ich größten Respekt habe.

Hast du deinen Vater wirklich die ganze Tragweite deiner Enttäuschung spüren lassen oder kann es sein, dass er gar nicht richtig umreißt, was seine Absage mit dir macht und wie viel dir sein Dabeisein bedeuten würde? Vielleicht ist da noch was möglich. Zeige ihm überdeutlich, wie hart dich das trifft und dass dein Anliegen nicht einfach nur eine kleine Bitte ist, sondern eine ganz andere Dimension hat. Da würde ich nicht so schnell aufgeben. Ich kann mir vorstellen, dass du ein Mensch bist, der seinen Kummer nicht nach außen zeigt und ihn nur still in sich hineinfrisst, denn du bist ja gewöhnt, die Dinge mit dir selbst auszumachen? Unter Umständen ahnt dein Vater gar nicht, was da in dir abgeht?

Ansonsten hast du ja vielleicht noch irgendetwas in der Hand, mit dem du ihn quasi “nötigen” könntest, mitzukommen. Gibt es vielleicht irgendetwas, mit dem du ihn dazu bringen kannst, dass er keine andere Wahl hat und dir nicht auskommt?…… Schöpfe alle Möglichkeiten aus und kämpfe um deinen Wunsch.

Auf jeden Fall geht es gar nicht, dass du nicht hingehst! Das ist DEIN Abend, DEINE Leistung, DEIN Erfolg. Und den wirst du feiern, gemeinsam mit den anderen. Für die Fahrt gibt es sicherlich Lösungen: frage Klassenkameraden, ob sie dich mitnehmen, vielleicht auch, ob du dich ihrer Familie anschließen darfst. Springe da über deinen Schatten. Nach außen brauchst du ja nicht zu sagen, dass dein Vater nicht will (wer sollte das verstehen), aber du kannst ja auch sagen, dass er leider verhindert ist. Es wird sich jemand finden, der dich unter seine Fittiche nimmt und daran ist nichts Ehrenrühriges. Wer weiß – vielleicht könntest du den Abiball sogar entspannter genießen, wenn du dich nicht um deinen Vater kümmern musst.

Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr ich mir wünsche, dass du da eine Lösung findest. Bitte gib Bescheid (auch wann das Ganze stattfindet), damit ich dich – hoffentlich befreit – gedanklich begleiten kann an diesem wichtigen Abend.

Alles Liebe
Merle


Vedrfölnir – Montag, 9.Mai 2016, 16:04

Du musst dahin gehen egal was der alte Herr von Vater (ich denke er verdient die Bezeichnung momentan nicht) dazu meint Denn du hast das Abitur bestanden (Matura) also hast du auch das Recht dorthin zu gehen und es dir gut gehen zu lassen; und nur weil er nicht mag; was verpasst er, wenn er einen Abend nicht daheim am PC ist; kannst du zur Not nicht diene Mutter; Geschwister; Tante einspannen?

Es wäre schade wenn du wegen sowas auf ein einmaliges Erlebnis in deinem Lebensweg verzichten müsstest.


rhea – Dienstag, 10.Mai 2016, 21:34

Leider nein. Aber ich habe mir heute ne Karte geholt. Habe noch über einen Monat zum Überlegen.


merle – Mittwoch, 11.Mai 2016, 10:34

Gut so!
In diesen vier Wochen wirst du ganz bestimmt eine Lösung finden für z.B. eine Mitfahrgelegenheit oder den Anschluss an eine andere Familie. Bis dahin wünsche ich dir weiterhin viel Erfolg auch für die mündlichen Prüfungen, ganz viel Konzentration und Gelassenheit, trotz allem.

Alles Liebe
Merle


rhea – Freitag, 13.Mai 2016, 22:08

Ohwe merle, da hatte ich deinen vorherigen Beitrag tatsächlich übersehen! War wohl etwas durcheinander. 

Ich gehe nochmal auf ein paar Sachen ein.

Trotzdem erst einmal meine herzlichsten Glückwünsche zum bestandenen Abitur

Noch ist’s nicht bestanden. Die schriftlichen Prüfungen sind rum, aber ich habe noch zwei mündliche. Aber ich denke meine Chancen stehen sehr gut. 

Hast du deinen Vater wirklich die ganze Tragweite deiner Enttäuschung spüren lassen oder kann es sein, dass er gar nicht richtig umreißt, was seine Absage mit dir macht und wie viel dir sein Dabeisein bedeuten würde?

Hm, nein, ich vermute, das habe ich nicht. Aber ich bin mir zu 100 % sicher, dass auch das nichts ändern würde. Und andererseits will ich nicht in diesen “Bettel-Modus” gehen.

Ich habe wohl einiges meiner psychischen Probleme unter anderem ihm zu verdanken. Das mit der Sucht kam erst relativ spät (so, wo ich ca. 12/13 Jahre war), aber er ist durchaus noch in anderen Bereichen schwierig.

Er lässt seine Launen gerne an mir aus. Er kann mich echt gut manipulieren (mir Schuldgefühle einreden, sodass ich dann doch mache, was er will; so die Masche “Ich mache immer alles für dich, da kannst du doch einmal auch was für mich machen).

Fehler machen immer andere, nie er selbst. Dabei gehört Fehler-machen doch zum Menschsein dazu. Aber er kann sich das nicht eingestehen. Und da ich die einzige Person in seinem Umfeld bin und lange war, war ich halt diejenige, die die Fehler gemacht hat, auch wenn es teilweise echt absurd war.

Beispiele dafür: Als ich ca. 11 Jahre war, da ist bei uns mal versehentlich der Gefrierschrank aufgegangen (wohl etwas zu voll) und ich war halt den ganzen Tag zu Hause, er bis abends in der Arbeit. Daran war ich auch schuld, weil ich hätte das ja kontrollieren müssen etc. Ich meine, ich war 11 und habe vorher nie irgendwas mit der Küche am Hut gehabt und ich glaube auch nicht, dass es die Aufgabe eines 11-jährigen Kindes ist zu schauen, ob der Gefrierschrank zu ist.

Das sehe ich aber auch erst im Nachhinein so, jetzt wo ich erwachsen bin. Damals hatte ich dann total Schuldgefühle und habe ab da an immer und immer wieder kontrolliert, ob eben der Gefrierschrank wieder auf ist. Da habe ich mich dann aus Angst vor Anschiss so hineingesteigert, dass ich eine Zwangsstörung entwickelt habe, mit der ich zum Teil heute noch zu kämpfen habe. Und ich habe meinen Vater damals geglaubt. Wenn er sagt, ich bin schuld, dann bin ich das.

Heute sehe ich das wie gesagt anders und denke, es war nicht meine Verantwortung. Es war eher ein unglücklicher Zufall. (Bzw. wie würdet ihr so eine Situation einschätzen? Das wollte ich schon immer mal Außenstehende fragen. Ob meine Sicht überhaupt realistisch ist oder ich mir da was zusammenspinne?)
Anderes Beispiel, was recht häufig immer noch vorkommt: Er sagt irgendwas, dass ich etwas tun soll und das ist nichts richtig eindeutig formuliert. Ich mache es also und dann heißt es von ihm, dass das falsch ist und wenn ich sage “Du hast doch gesagt ich soll es so machen!”, dann heißt es, ich könne mir ja denken wie es gemeint ist. Nein, kann ich leider nicht, da ich keine Gedanken lesen kann!

Zum Beispiel: Wir haben Gras für unsere Tierchen gesammelt, ich musste dann weg zu einem Termin und er meinte, ich soll die Tüte auf den Balkon schmeißen. Gut habe ich. Wir haben aber zwei Balkone, einen vor der Eingangstüre, und einen eben nach hinten raus. Und da wir auf der Wiese hinter dem Haus gesammelt haben, dachte ich halt er meint den hinteren Balkon. Was natürlich falsch. Er meinte den anderen. Hätte ich mir ja denken können!

Außerdem meint er, dass seine Sicht der Dinge grundsätzlich die einzig richtige ist, und alles andere Mist ist. Hat bei mir langfristig dazu geführt, dass ich nicht mehr gesagt habe was ich über Dinge gedacht habe und später habe ich dann gar nichts mehr gedacht und habe halt seine Meinung 1:1 übernommen. Hatte also lange keine eigene Meinung mehr.


rhea – Freitag, 13. Mai 2016, 22:09

So, und ich schaffe es gerade, mich Schritt für Schritt von sowas abzugrenzen. Es ist zwar noch ein langer Weg, aber es geht vorwärts. Ich beziehe es inzwischen deutlich weniger auf mich, sondern denke halt, dass es an ihm liegt. Es hilft mir dabei auch, dass viele Leute mit ihm nicht klarkommen und diese halt früher oder später den Kontakt mit ihm einstellen. Das passierte relativ häufig und heute hat er kaum noch Bekannte (deshalb vielleicht auch die Flucht ins Internet). Aber ich denke mir, wenn die es ähnlich sahen, dann werde ich doch zumindest nicht komplett falsch liegen?

Und allmählich traue ich mich sogar, mir eine Meinung zu bilden, der mein Vater widersprechen würde, weil es “quatsch” ist. Diese Meinung kundzutun schaffe ich allerdings noch nicht.

Wie dem auch sei, aus diesem Grund widerstrebt es mir, ihn quasi für so etwas anzubetteln. Das würde für mich einem Verlust meiner bisherigen Fortschritte ihm gegenüber gleichkommen. Außerdem hätte es schon einen bitteren Beigeschmack, wenn er gezwungenermaßen dabei wäre. Ich glaube, da gehe ich doch lieber alleine. Oder gar nicht.

Zu dem anderen: Ja, ich werde versuchen irgendwo “unterzukommen”. Viele haben ja selbst Autos und irgendeiner wird mich schon mitnehmen. Und ich werde wohl auch nicht die ganze Zeit alleine dastehen. Ich glaube nicht, dass andere 90 % der Zeit bei ihren Eltern stehen.


der_dau – Samstag, 14. Mai 2016, 15:07

hi,

ich bin ja kein Therapeut, aber für mich hört sich deine momentane Gefühlslage, nicht nur nach Co-Abhängigkeit an, sondern auch nach emotionaler Abhängigkeit. Ich finde das du an deinem Selbstwertgefühl arbeiten musst und dich selbst finden musst.

Deine ganzen Ängste und Sorgen, deine Zweifel an deine eigenen Fähigkeiten beruhen vermutlich seit Jahren auf diesem Terror, den du von deinem Vater ausgesetzt bist. Du musst dich um deinetwillen von ihm trennen und dich selbst kennenlernen. Und das geht eben nur, indem du dich selbst ausprobierst.

Mir ging das genauso, nach dem Entzug hab ich mich mit Absicht in “unangenehme” Situationen begeben und bin daran gewachsen. Vielleicht hilft dir ja der Satz: da wo die Angst ist, da ist dein Weg.

Und ich glaube, dass du Angst vor der Zukunft, vor dem allein sein hast. Vermutlich traust du dir auch nicht zu, die entscheidende Schritte einzuleiten, weil du zu wenig an dich selbst glaubst. Wenn das so ist, dann sag ich dir mal was: Wenn du seit Jahren deinem Vater, der offenbar süchtig ist, alles recht machst und deine eigenen Bedürfnisse zurückstellst, und diesen Psychoterror (Schuldgefühle, Angstmacherei, usw.) erträgst, denkst du wirklich, dass so jemand bei allem, was er so vorhat scheitern wird?

Pack deine Sachen und fahr ganz weit weg zum Studieren. Hol dir ein Stipendium und forder die Unterhaltszahlungen ein(zur Not mit Anwalt). Hört sich hart an, ist aber notwendig. Du solltest nicht länger warten.

Das ist zumindest meine Meinung.


merle – Mittwoch, 18.Mai 2016, 12:46

Liebe rhea,

es ist bewundernswert, wie du dich allmählich Stück für Stück aus dieser Abhängigkeit heraus schälst. Du bist ja mittlerweile auch in einem Alter, in dem du diesen ganzen ungerechtfertigten Schuldzuweisungen nicht mehr ganz so hilflos ausgeliefert bist. Nimm einen Schritt nach dem anderen in Angriff – jetzt erst einmal noch die mündlichen Prüfungen, dann die Abifeier und dann das Basteln an deiner Zukunft. So wirst du diesen schwierigen Berg bezwingen und irgendwann auf dem Gipfel stehen und auf das heruntersehen können, was du alles geschafft hast.

Auch ich fände es gut, wenn du deine Ausbildung – welche auch immer – nicht in der Nähe deines Vaters beginnen würdest, damit du endlich frei wirst und ganz allein für dich entscheiden kannst, was sinnvoll für dich ist. Dein Vater wird schon allein klarkommen, das darfst du ihm durchaus zutrauen. Er will dich abhängig halten und erweckt deshalb den Anschein, dass er ohne deine Unterstützung nicht lebensfähig ist, doch du würdest dich wundern, welche Kräfte ihm wachsen, wenn du ihn endlich sich selbst überlässt. Schau du auf DEIN Leben und auf das, was es zu erreichen gilt. Du trägst Verantwortung für DICH und nicht für deinen erwachsenen Vater, der weder krank noch behindert ist.

Deinen Abiball wirst du mit Sicherheit mehr genießen, wenn er nicht dabei ist, deshalb konzentriere dich auf die Organisation und die Hilfe deiner Klassenkameraden und lass sein grausames Nein hinter dir. Ich kann gut verstehen, dass du ihn nicht anbetteln magst, fände es aber schlimm, wenn du beschließen solltest, nun gar nicht zu gehen. Du bist so weit gekommen und hast so viel erreicht. Gib nicht klein bei und verkrieche dich zu Hause, sondern breite die Flügel aus, um einen ersten Vorgeschmack auf das zu bekommen, was auf dich wartet!

LG Merle


rhea – Sonntag, 5.Jun 2016, 22:28

Hey ihr!

Erstmal sorry für die langen Antwortzeiten, bin aber momentan noch voll im Abistress (Donnerstag Gott sei Dank die letzte Prüfung).

Ja, ausziehen wäre schon schön, aber da gibt es zurzeit noch ziemliche Probleme. Ich kann es nicht finanzieren. Ich habe bis jetzt noch keinen Ausbildungsplatz und bezweifle es ehrlich gesagt, dass ich für dieses Jahr noch einen bekomme. Mögliche Gründe könnten sein, dass ich a) nicht die besten Noten habe (Abi-Schnitt 2,7-3,3) und b) ich die 11. Klasse dreimal gemacht habe und so statt 3 Jahren 5 Jahre gebraucht habe und das kommt natürlich gar nicht gut an. Aber wenn ich mit Krankheit argumentiere, wird es wohl nicht viel besser sein – gerade in einem Alter wo man noch eher “gesund” ist.

Ein FSJ-Platz habe ich inzwischen fast sicher, aber das bisschen Geld, was ich da bekomme, damit kann ich kaum was anfangen. Unterhaltsanspruch hätte ich, aber da hätte ich mal wieder Schuldgefühle. Es ging schon vor ein paar Jahren darum, dass ich auf Empfehlungen von Therapeuten und Ärzten in eine therapeutische Wohngruppe hätte ziehen sollen und es ist an ihm gescheitert. O-Ton “Wenn ich noch Unterhalt zahlen muss, dann reicht das Geld nicht mehr zum Leben und ich kann gleich auswandern.”

Seine übliche Masche halt, und ich weiß das auch. Aber ich kann mich immer noch nicht dagegen stellen. Zu groß wären einfach die Schuldgefühle.

Ich sehe es übrigens genauso: Ich bin abhängig von ihm. Ich wurde von ihm auch mehr oder weniger dahin erzogen. Ich will mich lösen und werde es auch und ich denke, es wird irgendwann zwischen uns mal richtig knallen. Aber diese direkte Konfrontation will ich erst suchen, wenn ich zu Hause weg bin, denn sonst mache ich mir selber das Leben zur Hölle. Mein Vater ist grundsätzlich gegen alles, was ihm nicht in den Kram passt.
Meine Mutter ist da anders, sinngemäßes Zitat: “Es ist dein Leben und du musst dieses Leben leben, nicht ich, nicht dein Vater. Also scheiß darauf, was wir denken und mach, was dir guttut.” Wobei sie auch gleich sagte, dass sie alles gut findet, was mich glücklich macht.

Danke für eure lieben Zusprüche.

LG,
rhea


merle – Donnerstag, 23.Jun 2016, 16:16

Hallo rhea,

eins nach dem anderen. Du hast bereits so viel geschafft und das unter den schwierigsten Umständen. So wirst du die letzte noch verbleibende Zeit daheim auch noch bravourös bewältigen.

Sicherlich kann ich dir zum bestandenen Abitur gratulieren? Und wann wird denn der Abschlussball sein? Du musst unbedingt berichten. Schau jetzt einfach ganz klar auf den nächsten Schritt – deine FSJ-Stelle, die du ja so gut wie sicher hast. Dort werden sich wieder neue Türen öffnen für dich, von denen du jetzt noch gar nichts wissen kannst. So kommt eins zum anderen und irgendwann fügt es sich, dass du ausziehst und deine eigenen Wege gehen kannst.

Bis dahin wirst du dich nach Kräften für die Gestaltung deines Weges einsetzen, Schritt für Schritt, und das Ziel, unabhängig zu werden, niemals aus den Augen verlieren.

Ich glaube an dich und deine Kraft.
Herzlichst, Merle


rhea – Sonntag, 26.Jun 2016, 21:22

Hey!

Ja, das Abi ist bestanden mit 2,8; wobei ich darüber nicht sooo glücklich bin, aber was solls. Bei meinem vorher errechneten Abischnitt von 2,7 (bestensfalls) bis 3,3 (schlechtestensfalls) stehe ich eigentlich recht gut dar. Und ich habe in den Abschlussprüfungen deutlich besser abgeschnitten als erwartet.

Der Abiball war am Freitag. Und auch wenn mich jetzt der ein oder andere hauen wird :-). Ich war nicht da. Aber nicht nur wegen der Tatsache, dass mich mein Vater nicht begleitet hätte, sondern weil ich mit Großveranstaltungen nichts anfangen kann – vor allem mit denen, die so lange dauern (danach wäre noch Abi-Party gewesen bis in die Morgenstunden). Und das ist einfach nicht meins. Das bedeutet eher Stress für mich und ich dachte mir, das muss ich mir jetzt nicht antun.

Etwas traurig bin ich ehrlich gesagt schon, weil es die letzte Chance gewesen ist viele noch ein letztes Mal zu sehen. Aber andererseits auch froh, dass ich mir den Stress – Kleid kaufen, mich fertig machen, Abiball selbst etc. – gespart habe.

Ich war vor gut zwei Wochen beim Probearbeiten beim FSJ. Das wäre ein Altenheim, das spezialisiert ist auf Demenzpatienten. Bisher habe ich noch nicht zugesagt, aber ich muss mich wohl bald entscheiden.

Was dagegen spricht dort das FSJ zu machen:

  • Ich bin leider überhaupt nicht sozial und tue mich in solchen Situationen echt schwer; bin gewissermaßen verklemmt und ich weiß nicht, ob sich das mit der Zeit geben wird oder ob das FSJ-Jahr für mich deswegen zum Horror wird und das möchte ich natürlich auch nicht
  • Ich mag ungern im T-Shirt arbeiten; das ist dort zwar, anders als in Krankenhäusern zum Beispiel, keine Pflicht, aber dennoch eher üblich, zumindest in der wärmeren Zeit. Leider sehen meine Arme jetzt nicht so schön aus (Selbstverletzung) und ich möchte das nicht zeigen. Ich rechne aber dann a) mit Fragen von meinen “Kollegen” und b) ist es im Sommer langärmlig total heiß (habe Erfahrung; bin bisher nur langärmlig unterwegs) und da es doch ein Berufsfeld ist, wo man sich bewegt habe ich Angst zu stark zu schwitzen und dann unangenehm zu riechen, was im sozialen Bereich nicht so toll ist. Außerdem steht wohl auch Backen auf dem Programm und da werden normalerweise auch Ärmel zurückgestreift.

Was dafür spricht:

  • Eventuell würde sich meine Verklemmtheit mit der Zeit lösen und ich kann viele neue Erfahrungen machen und entdecke vielleicht sogar, dass ich gar nicht mal so sozial inkompetent bin wie ich immer vermutet habe – (aber die Wahrscheinlichkeit dafür ist wohl eher geringer, als für das Gegenteil)
  • Ich hätte was zu tun und ich MUSS einfach was tun. Ich kann schlecht ein Jahr zu Hause hocken und Däumchen drehen. Bzw. kann ich das doch, aber das macht meinen eh schon nicht optimalen Lebenslauf noch schlechter und meine Chancen eine Ausbildung zu bekommen (in dem Bereich wo ich möchte) wird geringer. Ich könnte studieren, aber ich wüsste nicht was und außerdem wird das wohl nochmal deutlich stressiger als das Abi und ich weiß nicht, ob ich das durchhalte.

So, anderes Thema: Bei mir gab es heute bezüglich des Verhaltens meines Vaters einen Aha-Effekt.
Ich bin auf eine Internetseite gestoßen: http://umgang-mit-narzissten.de/eigenschaften-narzissmus/ und http://umgang-mit-narzissten.de/narzissten-in-der-familie/, da erkenne ich meinen Vater wirklich nahezu 1:1 wieder. Irgendwie erleichternd, dass ich mir das nicht bloß einbilde, sondern es tatsächlich solche Menschen gibt und mein Vater höchst wahrscheinlich dazu gehört.


merle – Samstag, 9.Jul 2016, 19:09

Hallo rhea,

erst einmal herzlichen Glückwunsch zum bestandenen Abitur. Ich finde es großartig, wie du dich da durch gebissen hast, obwohl deine Lebenssituation daheim so schwierig ist. Natürlich finde ich es schade, dass du nicht zum Abiball gegangen bist, aber letztendlich ist es ja nachvollziehbar, dass du doch lieber darauf verzichtet hast, weil es dich viel mehr gestresst als gefreut hätte. Das ist ja wahrlich nicht der Sinn der Sache.

Ich denke, dass du auf jeden Fall das FSJ wagen solltest. Zurre nicht fest, dass du nicht sozial bist. Du hast diese Erfahrung bis jetzt nur mit der Klassengemeinschaft gemacht und kannst ja noch gar nicht voraussagen, wie es dir in einer völlig neuen Lebenssituation damit ergeht. Lass dir die Chance offen, dass du dich bei der Arbeit mit Demenzkranken ganz neu erlebst und diesen Menschen vielleicht viel geben kannst. Gleich von vornherein zu sagen: “Das ist nichts für mich – dafür bin ich nicht geeignet”, würde deine Zukunft komplett einengen und neue interessante Wege unmöglich machen. Wage den Sprung ins kalte Wasser, denn nur an neuen Herausforderungen kannst du wachsen und dich weiterentwickeln.

Ich denke, dass es bestimmt möglich ist, bei der Arbeit auch eine leichte langärmelige Bluse zu tragen. Sollte doch jemand deine Narben sehen, dann weiß er halt Bescheid, denn das ist ja nichts völlig Ungewöhnliches, dass junge Menschen sich ritzen und dadurch Narben haben. Davon hat sicherlich jeder schon einmal etwas gehört und du musst ganz bestimmt nicht damit rechnen, dass jemand dir deswegen unangenehme Fragen stellt. Vergiss nie: Jeder hat seine ganz eigenen Probleme und muss mit ihnen fertig werden. So werden deine “Kollegen” auch hier und da keine einfachen Biografien zu tragen haben. Wichtig ist, dass du wieder einen Schritt hin zur Unabhängigkeit wagst und deine Ängste und Sorgen Stück für Stück überwindest.

Ich glaube an dich, denn du hast bis jetzt dein nicht einfaches Leben bewundernswert gemeistert.
Herzlichst, Merle


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