Arm vs. Reich – Computerspiel-Sucht nur für die niedrige Bildungsschicht?

Psychische Krankheiten sind oft ungleich verteilt, neben Geschlecht und Alter spielt auch die soziale Schicht eine große Rolle. Arme, sozial benachteiligte Menschen erkranken häufiger an psychischen Störungen und leiden dann auch mehr. Wie ist das bei Computerspiel-Sucht?

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Schon oft wurde untersucht, ob eine Krankheit alle gesellschaftlichen Gruppen gleichermaßen trifft oder ob etwa ärmere Schichten ein erhöhtes Risiko aufweisen.

Typischerweise ist das bei Depressionen und Angststörungen der Fall. Beide treten oft in Zusammenhang mit Computerspiel-Sucht auf. Und beide treffen in den Industrieländern öfter jene Menschen, die in eher armen Verhältnissen leben, wenig Schul- und Ausbildung erhalten haben und im sozialen Gefüge eher unten stehen.

Für Computerspiel-Sucht gibt es ähnliche Ergebnisse. Bei Jugendlichen ist die besuchte Schule der erste Hinweis auf die Schichtzugehörigkeit und den sozialen und materiellen Status. Hauptschüler und Realschüler sind schlechter gestellt als Schüler eines Gymnasiums.

Tatsächlich finden Studien wie jene von Wöfling aus dem Jahr 2008 so einen Zusammenhang. Demnach sind jugendliche Real- und Hauptschüler eher von Computerspiel-Sucht betroffen als Gymnasiasten. Auch andere Studien bestätigen dieses Ergebnis.

Macht ein Gymnasium oder genügend Geld im Elternhaus also ein bisschen immun?

Dennoch ist es schwierig, diese Ergebnisse zu interpretieren. Anstatt die Ursache im Bildungsniveau und der materieller Situation zu sehen, könnte der Zusammenhang auch genau umgekehrt zustandekommen: Computerspiel-Sucht verursacht ein niedrigeres Bildungsniveau.

Ein Kennzeichen der Computerspiel-Sucht ist, dass der Süchtige die Kontrolle über seinen Konsum verliert. Er hört auch dann nicht auf, wenn die negativen Konsequenzen eintreten. Je mehr er spielt und online Zeit verbringt, desto gravierender die Folgen: für das Familienleben, seine Gesundheit, aber auch für seine Leistungsfähigkeit in der Schule.

Eine Computerspiel-Sucht kann den Aufstieg ins Gymnasium verhindern

Wenn also seine Leistungsfähigkeit in der Schule schon seit Jahren durch exzessives Spielen gelitten hat (unausgeschlafen in die Schule, Konzentrationsschwierigkeiten, Interesselosigkeit und Vernachlässigung der Hausarbeit), dann könnte die Computerspiel-Sucht bereits den Aufstieg in ein Gymnasium verhindert haben.

Das heißt: Eigentlich wäre der Jugendliche gut genug für das Gymnasium. Die Computerspiel-Sucht hat ihn aber daran gehindert, sein Potenzial zu nutzen.

Computerspiel-Sucht verhindert Leistungen in der Schule

Wenn ein Jugendlicher bereits das Gymnasium besucht, kann eine beginnende Computerspiel-Sucht dafür sorgen, dass er von seiner Schule auf eine Haupt- oder Realschule versetzt wird. Durch den Leistungseinbruch und die häufigen Fehlzeiten kann er sich auf dem Gymnasium nicht halten.

Für fast alle Computerspiel-Süchtigen bedeutet ihre Krankheit einen Karriereknick, der sie auch viele Jahre später noch begleitet. Das Nachholen von Bildungsabschlüssen ein paar Jahre später ist ungemein schwer.

Warum Gymnasium und Bildungsniveau trotzdem schützen können

Es gibt aber auch Erklärungen, warum höhere Bildung und materieller Wohlstand ein bisschen vor Computerspiel-Sucht schützen können.

  • Bessere Förderung in Schule und Freizeit. Je höher die Schulbildung der Eltern, desto mehr können sie ihre Kinder bei Problemen in der Schule unterstützen. Außerdem ermöglichen sie in der Regel mehr und vielfältigere Hobbys. Arme Schichten können sich teurere Hobbys gar nicht leisten. Skifahren, Fußballvereine, Reiten, Tanzvereine kosten Geld. Computerspielen ist dagegen eine extrem billige Alternative.
  • Die Wohnsituation ist in ärmeren Schichten meist schwierig. Je mehr Personen auf engem Raum leben (z. B. in Großstädten), desto mehr leiden sie unter Stress. Stress ist ein häufiger Auslöser und Katalysator von psychischen Krankheiten.
  • Je ärmer das Elternhaus, desto eher ist die Familie auf zwei Einkommen angewiesen. Das führt häufig zu Defiziten in der Kindererziehung, schon aus Zeitmangel.
  • Manche Forscher glauben, dass Gymnasiasten im Vergleich mehr Selbstreflexion mitbringen. Sie könnten demnach ihr eigenes Verhalten besser verstehen. Das verhindert vielleicht, dass ihr Computerspiel-Konsum außer Kontrolle gerät.

Ein letzter Schutz könnte sein, dass bildungsnahe Eltern auch bessere Erzieher sind, und ihre Kinder deshalb weniger anfällig für Süchte werden.

Fazit

Ein endgültiges, sicheres Fazit kann man aber noch nicht ziehen. Dazu sind mehr Untersuchungen nötig. Wahrscheinlich ist es eine Mischung der Ursachen: Computerspielsüchtig wird eher jemand aus ärmeren und sozial ungünstigen Verhältnissen. Gleichzeitig verursacht die Computerspiel-Sucht genau diese ungünstigen Verhältnisse auch selbst.